Berlin : Immer mehr Klagen über Ärztepfusch

Serviceteam der AOK legt Untersuchung von 4300 Fällen vor: 544 Beschwerden waren berechtigt

Ingo Bach

Wolfgang Schmidt kämpft mit den Tränen. „Ich bin mit meinen Nerven am Ende.“ Seit fast sieben Jahren streitet Schmidt (Name geändert) um eine Entschädigung, auch wenn der Schaden eigentlich nicht wiedergutzumachen ist. Der 65-jährige Köpenicker verlor 1998 sein Augenlicht, weil sein Arzt einen Fehler gemacht haben soll.

Im Dezember 1998 kam der Frührentner in eine Berliner Klinik. Seine Nasennebenhöhle war stark entzündet, sollte operativ gereinigt werden. Doch etwas ging schief. Wundflüssigkeit drang in die Augenhöhlen ein und quetschte drei Tage lang die Sehnerven, schädigte sie irreparabel. „Wäre ein Augenspezialist hinzugezogen worden, hätte man das Problem früher entdeckt und mein Mandant könnte noch sehen“, sagt Schmidts Anwalt Uwe Simontowitz.

Bei dem juristischen Streit mit der Klinik wurde Schmidt auch von seiner Krankenkasse, die AOK Berlin, unterstützt. Seit genau fünf Jahren unterhält die mit rund 750 000 Versicherten größte Krankenkasse der Hauptstadt ein „Serviceteam Behandlungsfehler“. Am gestrigen Montag stellte die Kasse die Fünfjahreszahlen vor: Seit August 2000 zählte das sechsköpfige Team 4300 Beschwerden über Ärztepfusch. Bei 544 Fällen haben die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) einen Kunstfehler festgestellt.

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, nennt das Team der AOK ein „dringend notwendiges niedrigschwelliges“ Angebot. Denn das deutsche System zum Schutz der Patientenrechte sei zwar weitläufig, aber eben auch schwer durchschaubar.

Aber ein MDK-Gutachten ist noch lange keine Garantie für eine Entschädigung vom Arzt. Die Haftpflichtversicherungen erkennen diese Expertisen oft nicht als unparteiisch an, heißt es bei der Berliner Ärztekammer. Im Gegensatz zu den Bewertungen der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen in Hannover. Doch die Schlichtung ist freiwillig, das heißt Patienten und Arzt müssen zustimmen. Und das Verfahren dauert: im Schnitt vergehen 13,5 Monate, bis ein Urteil feststeht.

Im vergangenen Jahr wurden in Hannover insgesamt 588 Berliner Beschwerden über angebliche Behandlungsfehler bearbeitet. Die Fachleute erkannten in 73 Fällen einen Kunstfehler an und rieten den Versicherungen, zu zahlen. In Berlin praktizieren rund 18 000 Ärzte.

An der Spitze der Fehlerstatistik finden sich regelmäßig die chirurgischen Fächer – 2004 kamen 21 der Kunstfehler aus der Unfallchirurgie. Nicht etwa, weil die Operateure besonders fehleranfällig wären, sondern weil ihre Patzer leicht zu erkennen sind. Anhaltende Schmerzen nach einer Operation zum Beispiel, schwere Komplikationen nach einem Routineeingriff oder auch im Bauch vergessene OP-Utensilien. Auf Platz zwei und drei in der Statistik folgen Gynäkologie und Orthopädie. Die Fehler seien breit gestreut. „Besonders auffällige Ärzte oder Kliniken gibt es dabei nicht“, sagt Elmar Wille, Vizepräsident der Berliner Ärztekammer.

Woran liegt es, dass den Doktoren immer öfter Pfusch vorgeworfen wird? „Weil es immer mehr Stellen gibt, die Kunstfehler erfassen“, sagt Wille. In Berlin sind das zum Beispiel Krankenkassen, die Patientenbeauftragte oder eben die Schlichtungsstelle. Außerdem sei der Patient eher bereit, einen Kunstfehler zu vermuten, wenn eine Therapie nicht den gewünschten Erfolg hat. „Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Wahn unterliegt, alles sei machbar“, sagt Wille. Aber der Mensch sei nun mal kein Auto, das man in der Werkstatt einfach reparieren könne. „Und Ärzte machen genauso wie Piloten oder Busfahrer auch Fehler.“ Deshalb begrüße die Kammer, dass Mediziner sich um eine Kultur bemühten, in der Fehler offen diskutiert und so Wiederholungen vermieden werden können.

Manchmal aber ist der Arzt ein Getriebener, weil seine Versicherung nicht zahlen will. „Je höher die Schadenssumme, desto eher lassen es die Versicherer auf einen Prozess ankommen“, sagt Frank Teipel, Anwalt für Arzthaftungsrecht.

Das Berliner Landgericht sprach Wolfgang Schmidt jetzt ein Schmerzensgeld von 150 000 Euro und eine monatliche Rente von 200 Euro zu. Doch der Streit ist noch immer nicht zu Ende. Der Anwalt des Arztes hat Revision eingelegt.

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