Berlin : Immer mehr Klagen über Taxifahrer: Jetzt reicht es selbst der Innung

Die Geschäfte gehen schlecht – und viele Fahrer lassen ihren Zorn an der Kundschaft aus. Nun will der Berufsverband mit einem Faltblatt gegensteuern, das die Kunden über ihre Rechte aufklärt

Jörn Hasselmann

Es ist ein Teufelskreis: Die Geschäfte der Taxiunternehmer laufen immer schlechter, die Laune der Fahrer sinkt immer weiter – und die Fahrgäste bekommen die Aggressionen ab. „Manche Fahrer beschimpfen ihre Kunden – mit einem Vokabular, das von der Reeperbahn stammen könnte“, sagt Detlev Freutel vom Berliner Taxiverband. Und: „Die Nerven liegen blank.“ Ab Montag will der Taxiverband deshalb 100 000 Handzettel verteilen, die die Kundschaft über ihre Rechte aufklären. Und das sind eine ganze Menge.

Fahrgäste können in jedes Taxi steigen – und nicht nur in das vorderste. Mufft es in einem Taxi nach Qualm oder Schweiß, kann der Fahrgast auf das nächste Taxi am Stand umsteigen, sagt Freutel. Und: Egal, wie kurz die gewünschte Strecke ist, der Fahrer muss sie fahren. Immer öfter allerdings zeigten seine Kollegen keinerlei Manieren, hat Freutel beobachtet. So würden am Bahnhof Zoo Touristen einfach abgewiesen, wenn sie „nur“ zum Hotel Kempinski oder zum Interconti wollten. Nun also das Faltblatt, das jeder Fahrer des Taxiverbandes (TVB) möglichst jedem Kunden in die Hand drücken soll. Im TVB sind etwa 1500 der 6500 Berliner Taxis organisiert. Zudem werden die Zettel in Hotels, Flughäfen und Touristeninformationen ausgelegt.

„Wir dürfen die schlechte Laune über unsere Situation nicht am Kunden auslassen“, sagt Freutel. Die wirtschaftliche Situation des Taxigewerbes ist nach Angaben der Unternehmen verheerend, da sind sich Verband und Innung einig. Durchschnittlich hat jeder Fahrer eine Fahrt pro Stunde – das reicht kaum zum Überleben, der Stundenlohn dümpelt bei fünf Euro.

Ein Ausweg für viele ist Schwarzarbeit. Das sieht dann so aus: Es werden Fahrer eingesetzt, die nicht einmal das Hotel Interconti kennen oder den Weg zum Bahnhof Zoo. Die im schmutzigen Unterhemd qualmend hinterm Steuer hocken und häufig kaum Deutsch sprechen. Die Zahl der Beschwerden nehme zu, die Kritik sei meist sachlich und weise auf echte Missstände hin, gibt der Taxiverband zu. Beim Landeseinwohneramt als zuständiger Aufsichtsbehörde gingen im ersten Halbjahr 113 Beschwerdebriefe ein. Das klingt nach wenig, doch Freutel weiß es besser: „Auf einen Brief kommen bei uns 30 Beschwerde-Anrufe.“ Fahrgäste klagen mittlerweile auch über rücksichtslose Raserei. Tatsächlich scheinen nur die wenigsten Fahrer zu wissen, dass sie durch kluge, defensive Fahrweise eine Menge Benzin sparen könnten – und zudem die Nerven der Fahrgäste schonen, die nicht gerne mit Tempo 70 bis kurz vor die rote Ampel gefahren werden wollen. Übrigens: Nepp durch Umwege steht an dritter Stelle auf der Klageskala.

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