Berlin : Immer mehr Kleinkinder bekommen Karies

In armen Bezirken sind die Zähne schlechter. Dort will der Senat die Gesundheitsdienste stärken

J. Krauth,I. Bach

Die Vorderzähne sind heruntergefressen bis zum Zahnfleisch und mancher Zahn ist eine schwarze Ruine. So sieht die so genannte Nuckelflaschenkaries aus. Sie betrifft immer mehr Kleinkinder, belegen Studien des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS), die gestern vorgestellt wurden. Dieser Trend treffe auch für Berlin zu, sagt Erika Reihlen, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft zur Verhütung von Zahnerkrankungen. „Heute ist aber nicht süßer Tee das Problem, sondern die als gesund geltenden Obstsäfte.“ Das Umspülen der Zähne mit Fruchtzucker und Säure zerstöre den Zahnschmelz.

Dabei gibt es in Berlin große Unterschiede. Während im als wohlhabend geltenden Steglitz-Zehlendorf durchschnittlich 46 Prozent aller Grundschüler mindestens ein Loch im Zahn haben, sind das in Neukölln 65 Prozent. Offenbar hängt die Zahngesundheit der Kinder auch mit dem Sozialindex zusammen – also beispielsweise Arbeitslosenrate, Bildungsstand der Eltern oder Einkommensverhältnisse. „Der Zahnzustand verschlechtert sich, sobald sich die Sozialstruktur ins Negative wendet“, sagt Gisela Baller, Leiterin des zahnmedizinischen Dienstes am Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf.

Doch ausgerechnet in den sozial schwächeren Bezirken sind die Zahnärztlichen Gesundheitsdienste weniger gut ausgestattet. Laut dem Berliner Gesundheitsbericht 2004 kümmern sich in Lichtenberg statistisch gesehen 2,5 Ärzte um 10 000 Kinder bis 17 Jahre, im sozial problematischeren Bezirk Neukölln aber nur 0,36 Ärzte. Der zahnmedizinische Dienst untersucht beispielsweise in Schulen Kinder auf den Zahnzustand, gibt Pflegetipps und trägt in Schulen, in denen besonders viele Kinder von Karies betroffenen sind, regelmäßig Fluorlack zur Stärkung der Zähne auf. Um die Ungleichheit zu beheben, will der Senat durch die Reform des Öffentlichen Gesundheitsdienstes den Zahndienst in den schwächeren Bezirken stärken – zulasten der reicheren Kieze.

Aber auch innerhalb der Bezirke gebe es Unterschiede, so Birgit Dohlus, Sprecherin der Berliner Zahnärztekammer: „Kinder, um die sich gekümmert wird, haben gute Zähne, auch wenn sie aus armen Familien kommen.“ Was Eltern für die Zahngesundheit tun können: Kinder ab dem ersten Lebensjahr aus der Tasse trinken lassen. Sobald die ersten Zähne da sind, sollten Eltern nicht nur Brei füttern. Denn durch festes Essen werde der Speichelfluss angeregt, der den Säurespiegel im Mund ausgleiche und so die Zähne schütze, sagen die Experten

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