Berlin : Immer mehr Rentner, immer weniger Geld

Die Sozialsenatorin fürchtet die Rückkehr der Altersarmut, sieht in der demographischen Entwicklung aber auch Chancen

Sandra Dassler

Zahlen einer alternden Stadt: Bereits 2050 wird jeder zweite Berliner älter als 50 sein. Und schon bis zum Jahr 2020 erhöht sich die Zahl der über 65-jährigen Einwohner auf 20 Prozent – heute sind es knapp 16. Auf diesen demographischen Wandel ist die Gesellschaft bislang nur unzureichend vorbereitet. Das meint jedenfalls Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) und stellte deshalb gestern die vom Senat beschlossenen Leitlinien für die Seniorenpolitik der Hauptstadt vor.

Der 22 Punkte umfassende Katalog ersetzt die 1999 erstmals formulierten Leitlinien und berücksichtigt aktuelle Entwicklungen – unter anderem die Wiederkehr der Altersarmut. Momentan leben etwa eine halbe Million Rentner in Berlin, die meisten von ihnen sind ökonomisch gut abgesichert. „Aber ich bin mir sicher, dass das nicht so bleibt“, sagte Knake-Werner und verwies auf die Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit. Wer über Jahre hinweg keine Beschäftigung finde, erhalte nur eine minimale Rente. Hinzu kämen Selbständige, die nicht in der Lage waren, in die gesetzliche Rentenkasse einzuzahlen oder privat vorzusorgen. Auch Frauen, die Kinder erzogen haben oder Angehörige pflegten, seien gefährdet.

Auch das Thema der älteren Migranten sei in Berlin lange unterschätzt worden, sagte die Senatorin: „Wir sind davon ausgegangen, dass sie im Alter in ihre Heimat zurückgehen oder ihren Lebensabend in den traditionellen Großfamilien verbringen.“ Inzwischen unterstütze das Land alle Bestrebungen für eine „kultursensible Altenpflege“, die auf Bedürfnisse älterer Ausländer eingingen. Gegenwärtig seien 30 000 Migranten über 65 Jahre alt, und ihre Zahl wachse von Jahr zu Jahr.

Knake-Werner verurteilte zugleich alle Formen von „Altersdiskriminierung“. „Diskussionen darüber, ob ein 82-Jähriger noch ein künstliches Hüftgelenk bekommen darf, sind unverzeihliche Ausrutscher“, sagte die Senatorin – vor allem, weil ältere Menschen heute länger gesund und aktiv blieben als je zuvor. Deshalb müsse man ihre zunehmende Zahl als Chance und nicht als Problem begreifen: Die nächste Rentnergeneration werde die der Achtundsechziger sein – Menschen mit ganz anderen Wertvorstellungen als die Nachkriegsgeneration. Sie würden viel bürgerschaftliches Engagement einbringen.

Der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Nicolas Zimmer, warf Knake-Werner vor, die Leitlinien enhielten „wenig Substanz und viele Allgemeinplätze“. CDU-Sozialexperte Gregor Hoffmann sagte, die Leitlinien zeigten, dass der Senat „offensichtlich kein Konzept in der Seniorenpolitik habe oder sich scheue zu sagen, dass kein Geld für diesen Bereich vorhanden sei“.

Ähnlich äußerte sich der Reinickendorfer Sozialstadtrat Frank Balzer (CDU): „Die schönen Leitlinien nutzen nichts, wenn die Bezirke immer weniger Geld für Senioreneinrichtungen erhalten und nicht mit am Tisch sitzen, wenn es um Finanzfragen geht“, sagte er dem Tagesspiegel. Seine Kollegin Angelika Buch aus Treptow-Köpenick pflichtete ihm bei. Für Seniorenfreizeitstätten sei nicht einmal mehr eine Halbtagskraft finanzierbar. Und unlängst habe der Rechnungshof gerügt, dass der Bezirk jedem Rentner ab dem 80. Geburtstag eine Karte und ein Geschenk für fünf Euro zukommen lasse.

„Aber wir machen das trotzdem weiter“, sagt Angelika Buch: „Was meinen Sie, wie sich die meist allein lebenden Menschen über diese Kleinigkeit freuen. Das ist doch auch Seniorenpolitik, oder?“

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