Berlin : Immer neue Shopping-Center: Der Senat stellt sich quer

Streit um Ladenflächen am geplanten Neuköllner Tagungs-Center eskaliert Handelsverband und IHK stützen das Nein der Stadtentwicklungssenatorin

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Der Senat bleibt hart: Einkaufszentren sollen in Berlin nur noch an ausgewählten Standorten genehmigt werden. Die Neubaupläne des Hotel Estrel für ein weiteres Kongress- und Tagungszentrum mit Verkaufsflächen für Fachmärkte widersprächen stadtweiten Planungen, die mit dem Handelsverband, der Industrie- und Handelskammer (IHK) und dem Land Brandenburg abgestimmt seien, hieß es gestern. Investor Julian Streletzki kündigte hingegen an, mit allen Mittel um das 80-Millionen-Euro-Projekt „Estrel-Parc“ an der Neuköllner Sonnenallee zu kämpfen. 1,6 Millionen Euro habe man bereits investiert, sagte Streletzki. Für 75 Prozent der Flächen lägen Mietverträge vor, die Eröffnung sei 2008 geplant. Streletzki schloss Schadenersatzansprüche gegen das Land nicht aus.

Die Stadtentwicklungsbehörde will angesichts der mehr als 50 bestehenden und geplanten Shopping-Center in Berlin einen „Wildwuchs“ des großflächigen Einzelhandels verhindern. Mögliche Standorte für Neubauten wurden gemeinsam mit Wirtschaftsvertretern in einem „Stadtentwicklungsplan Zentren“ festgelegt – aber das Areal an der Sonnenallee zählt nicht dazu.

Deshalb stoppte SPD-Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer das Estrel-Projekt gegen den Willen des Bezirks Neukölln (wir berichteten). Die Senatorin wies auf den drohenden Kaufkraftverlust in der Karl- Marx-Straße hin.

Streletzki argumentierte dagegen, laut einer Studie würde der Kaufkraftverlust für die Karl-Marx-Straße unter fünf Prozent betragen. Die Verkaufsflächen seien bereits von 20 000 auf 12 500 reduziert worden. „Eine weitere Reduktion würde das Projekt zum Scheitern bringen.“ Das Fachmarktcenter sei zur Finanzierung nötig. Nun gingen 200 neue Arbeitsplätze in der „Convention Halle“ und 300 im Einzelhandel verloren: „Es ist ungeheuerlich wie man mit Leuten umgeht, die Geld investieren wollen.“

Der Spitzenkandidat der Berliner CDU für die Abgeordnetenhauswahl, Friedbert Pflüger, nannte den Beschluss der Stadtentwicklungsbehörde ein „verheerendes Signal für Neukölln“. Senatorin Junge-Reyer erklärte dem Tagesspiegel, sie habe nichts gegen das Tagungszentrum an sich. Läden in der geforderten Größe von 12 500 Quadratmetern seien auch noch in Ordnung, wenn sie nicht an „zentrenrelevante Läden“ vermietet würden. Soll heißen: Möbelcenter ja, SB- Kaufhaus nein.

Der Handelsverband Berlin-Brandenburg sieht das Projekt mit gemischten Gefühlen: „Wir begrüßen das Kongresszentrum“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Günter Päts. Die Frage sei aber, „welche Kröte dafür geschluckt werden muss“. Durch das Fachmarktcenter mit einem Kaufland-Markt und vielen kleineren Fachgeschäften entstünde „ein Gegenpol zu Einkaufsstraßen“.

Päts befürwortet „Center in Zentren“: Das neue „Schloss“-Center in Steglitz oder die geplanten Arcaden an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg brächten mehr Besucher in die Straßen. Ein Gegenbeispiel seien die Spandau Arcaden, die zwar am Bahnhof Spandau liegen, aber einige hundert Meter von der Altstadt Spandau entfernt. Auch die IHK fordert, Center sollten sich an bestehenden Einzelhandelsstandorten ansiedeln.

Derzeit entstehen große Shopping-Center am Alexanderplatz in Mitte und am Walther-Schreiber-Platz in Schöneberg; erweitert werden das Ring-Center in Lichtenberg und das Forum Steglitz. Den geplanten Ausbau der Neuköllner Gropius- Passagen lehnt Senatorin Junge-Reyer dagegen ab.

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