Immer noch keine Verordnungen : Hygienemängel in Berliner Kliniken

Noch immer gibt es in fünf Bundesländern keine Hygieneverordnungen - obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Berlin ist eines dieser Länder. Die Senatsverwaltung weist den Vorwurf von Nachlässigkeit zurück. Was sind die Gründe für die Verzögerung?

von
Ein einfaches, aber wirksames Mittel, die Ausbreitung von Keimen einzudämmen: Hände waschen.
Ein einfaches, aber wirksames Mittel, die Ausbreitung von Keimen einzudämmen: Hände waschen.Foto: dpa

Hygieneexperten und Politiker werfen dem Land Berlin und vier weiteren Bundesländern gefährliche Nachlässigkeit beim Patientenschutz vor. Trotz einer gesetzlichen Fristsetzung bis Ende März haben die fünf Länder noch immer keine Hygieneverordnungen für ihre Kliniken vorgelegt. Es sei „ein Skandal, dass einige Länder ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU) dem Tagesspiegel am Sonntag. „Als hätten sie aus den Hygieneskandalen der letzten Monate nichts gelernt.“ Offenbar werde „die Dimension der Bedrohung von den Zuständigen noch immer nicht erfasst“, sagte der Berliner FDP-Bundestagsabgeordnete Lars Lindemann. Angesichts von 40 000 Toten im Jahr durch Klinikinfektionen und einer weit höheren Dunkelziffer sei es „nicht in Ordnung, dass man meint, sich bei diesem Thema alle Zeit der Welt lassen zu können“.

In Verzug sind nach Tagesspiegel-Informationen neben Berlin noch die Länder Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen und Sachsen. Es sei ihm „völlig unverständlich, warum die alle so lange rumbasteln“, sagte der Berliner Hygieniker und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Klaus-Dieter Zastrow. Schließlich gebe es klare Vorgaben von Bund und Robert-Koch-Institut. Allerdings schmeckten die schärferen Hygienestandards manchen Kliniken offenbar nicht. Die vorgeschriebene Isolierung infektiöser Patienten etwa werde in vielen Häusern bisher „absolut vernachlässigt“. Zudem müssten Ärzte und Pflegekräfte weitergebildet oder zusätzliches Hygienepersonal eingestellt werden. So haben künftig alle Kliniken mit mehr als 400 Betten hauptamtliche Hygieniker zu beschäftigen. Die Klinikchefs haben die Umsetzung der Hygienevorschriften persönlich zu verantworten, Verstöße können mit Zwangsgeldern von bis zu 25 000 Euro geahndet werden.

Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales wies den Vorwurf der Nachlässigkeit zurück. Man befinde sich „nicht im rechtsfreien Raum“ und habe Klinikhygiene schon immer sehr ernst genommen, so Sprecherin Regina Kneiding. Sie verwies auf die bereits bestehende Hygieneverordnung von 2006 sowie auf ein im gleichen Jahr gegründetes Netzwerk gegen die Ausbreitung multiresistenter Keime (MRSA). Die neue Verordnung sei bereits formuliert,befinde sich in der Anhörung und werde bis zur Sommerpause vorliegen. Berlin ist damit das Schlusslicht, die anderen Länder sicherten zu, im Mai oder Juni zu Potte zu kommen.

Man habe zwar keinen genauen Überblick über beschäftigte Hygienefachkräfte, aber auch „keinen Anhaltspunkt für Gefahr im Verzug“, sagte ein Sprecher der Berliner Krankenhausgesellschaft. Die Zahl nachgewiesener MRSA-Fälle hat jedoch auch in Berlin seit Einführung der Meldepflicht zugenommen – von 246 im Jahr 2010 auf 290 im vorigen Jahr. Aus Berliner Kliniken wurden seit Juli 2011 15 Ausbrüche gefährlicher Keime gemeldet – darunter auch solche, die mit denen vergleichbar waren, die in Bremen zum Tod dreier Säuglinge geführt hatten. Bundesweit infizierten sich von 18 Millionen Patienten pro Jahr rund 800 000 bei Klinikaufenthalten, sagte Zastrow. Die Quote der MRSA-Infektionen stieg seit Anfang der 90er Jahre von drei auf 22 Prozent. Spätestens beim nächsten Hygieneskandal kämen „Landesminister, die hier schludern, in Erklärungsnöte“, warnte Spahn.

Nach Einschätzung des Bündnisses „Aktion Saubere Hände“ wird in deutschen Kliniken inzwischen stärker auf Hygiene geachtet. Beleg dafür sei der Verbrauch von Desinfektionsmitteln zum Händewaschen, der seit 2008 in 159 Kliniken um ein Drittel gestiegen sei. Der Verbrauch allein sage nichts über richtiges Hygieneverhalten, wandte Zastrow ein. Noch immer machten viele Ärzte den Fehler, sich zwar nach dem Patientenkontakt, nicht aber unmittelbar davor die Hände zu waschen.

Autor

32 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben