Berlin : Immer positiv

Bernd Matthies

ist auf der Suche nach der eigenen Handschrift Folgt man den Erkenntnissen der modernen Schulpsychologie, dann sind Grundschulkinder von der kommentarlosen Schroffheit schlechter Zensuren überfordert. Stünde da auf dem Zeugnis wie zu Kaisers Zeiten „Betragen: Ungenügend“, dann würde das Kind in einer Sinnkrise versinken. Besser ist es, wenn der Lehrer fürsorglich formuliert: „Kevin war immer darauf bedacht, sein Klappmesser nicht ohne triftigen Grund herauszuholen.“ Die so genannten Kopfnoten sind also am Aussterben, und künftig wird es in Berlin auch keine Zensuren für die Handschrift mehr geben.

Dennoch werden unsere Kinder deshalb nicht schlimmer schmieren, als sie es sowieso schon tun, denn statt der Zensur kommt die positiv verstärkende verbale Beurteilung. „Marie war stets um korrekte Gestaltung der Unterlängen bemüht“, wird es künftig heißen, schlimmstenfalls auch: „Der Einsatz eines Füllers stellt für Jaden-Gil eine besondere Herausforderung dar.“ All das ist ohnehin Vergangenheit, sobald sich die Computer an Berlins Schulen durchsetzen, was nur noch ein paar Jahrzehnte dauert.

Spätestens dann wird es den Kindern so gehen wie lang gedienten Redakteuren, die einst noch akkurates Sütterlin gelernt haben: Sie können ihre eigene Handschrift nicht mehr lesen. Aber dagegen haben auch die alten, schroffen Zensuren nicht geholfen.

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