Berlin : Immer schön am Boden bleiben

Großer Andrang auf der ITB, aber wenig Interesse an Fernreisen

Stefan Jacobs

„Erdgebundene Reisemittel dominieren“, sagt Karl-Heinz Bretschneider von der Potsdam Tourismus GmbH zufrieden und bringt mit dieser eigenwilligen Wortschöpfung wohl das Wesentliche der diesjährigen Tourismusbörse (ITB) auf den Punkt. Am Freitag war er noch erstaunt vom Ansturm. Am Sonnabend hat er sich dran gewöhnt und freut sich einfach. „Die Leute fragen ganz gezielt, und ein Fachbesucher hat sich sogar schon wegen einer Großveranstaltung zur Schlössernacht 2004 erkundigt. Solchen Andrang gab’s noch nie.“

Leer ist es auf der ITB am zweiten Tag nirgendwo. Aber die Besucherströme fließen ruhig durch die Hallen von Spanien und Amerika. Verstopft sind die Gänge dagegen bei allen Zielen, die auf dem Land- oder Wasserweg erreichbar sind. Nicole Verleye vom Verkehrsamt Brügge registriert ungebrochenes Interesse an Flandern, Erhard Ballier von der Berliner Stern- und Kreis-Schifffahrt kann kaum schnell genug neue Fahrpläne auspacken und Sarah Mathias vom Niedersachsen-Stand versichert, dass sie sich auf der ITB bisher keine Minute gelangweilt hat.

Önder Varlik hätte dagegen gern mehr zu tun. Der türkische Hotelier ist zum dritten Mal auf der Messe. „Es ist genauso voll wie im vergangenen Jahr, aber die Leute sind zurückhaltender. Man kann an vielen Gesichtern ablesen, dass die Leute sich fragen, ob die Türkei die richtige Wahl ist.“ April und Mai hat Varlik wegen der Irak-Krise schon fast abgeschrieben; für den Sommer hofft er auf abtrünnige Spanien- und Griechenland-Reisende, die sparen wollen. Bei Verhandlungen mit Reiseveranstaltern „hat man als Besitzer eines 100-Zimmer-Hotels es allerdings noch schwerer als früher.“

Ulrich Finke, der Stars-and-Stripes-Krawatte plus Cowboyhut zum dunklen Anzug trägt und die US-Bahngesellschaft Amtrak vertritt, spricht von „deutlich weniger Besuchern trotz mehr Werbung durch die Messe-Gesellschaft“. Wie zum Beweis stoppt ein Mann und berichtet von einer abgeblasenen Reise nach Texas: „Da fährt man ja jetzt lieber nicht hin.“ Finke kontert: „Ach, da sind Sie doch direkt am Headquarter. Sicherer geht’s nicht!“ Der Mann winkt ab.

Weniger gemischt sind die Gefühle der Aussteller, wenn es um die neuen Öffnungszeiten der ITB geht. In früheren Jahren begann die Messe am Sonnabend. Dem Publikum blieben das Wochenende und der darauffolgende Mittwoch, während Montag und Dienstag den Fachbesuchern vorbehalten waren. „Bloß gut, dass der angehängte Mittwoch abgeschafft worden ist. Da kamen nur noch die Jäger und Sammler – einer wollte sogar den Blumentopf von unserem Stand mitnehmen“, sagt Wolfgang Heymann, der Flusskreuzfahrten anbietet. Vom diesjährigen Auftakt am Freitag sind fast alle angetan. Lob gibt es auch für den Sonderpreis von 7,50 Euro. Am Wochenende kostet es 11,50 Euro. „Ganz schön viel“, heißt es allenthalben. Mit den drei zusammenhängenden Publikumstagen wollte die Messeleitung mehr Menschen in die Hallen locken. Zahlen waren bisher aber nicht zu bekommen. Und für die Aussteller zählen ohnehin eher die Fachbesucher.

Sonntag ist letzter Publikumstag: 10-18 Uhr.

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