Berlin : Immer schön vage bleiben

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Zu jedem Substantiv gehört der richtige Artikel, der angibt, ob das Hauptwort männlich, weiblich oder sächlich ist. Jedes Kind weiß es und kennt den Unterschied zwischen bestimmten und unbestimmten Artikeln. Das Buch ist ein bestimmtes, ein Buch ist irgendeines oder auch der Begriff für Bücher schlechthin.

So einfach scheint es aber nicht zu sein. „Ein gleichmäßiges Verurteilen von Menschenrechtsverletzungen ist selbstverständlich“, sagte der FDP-Fraktionschef Martin Lindner neulich. Was er meinte, ist die Verurteilung aller Menschenrechtsverletzungen. Seine Fraktionskollegin Mieke Senftleben mahnte „einen Familienbericht des Senats“ an. Erwartet wird jedoch der Bericht, denn er ist nicht der erste seiner Art. Der unbestimmte Artikel steht gewöhnlich vor dem Substantiv, wenn etwas bisher Unbekanntes zum ersten Mal genannt wird.

Politiker haben eine Vorliebe für den unbestimmten Artikel. Womöglich liegt es daran, dass sie sich gern vage ausdrücken. „Es ist Aufgabe der Integrationspolitik, für eine Eingliederung der hier lebenden Ausländer zu sorgen“, las ich in einem CDU-Antrag. Warum eine Eingliederung? Es doch wohl die Eingliederung (die nicht mit Assimilation zu verwechseln ist). „Eine Abschiebung nach einer so langen Zeit der Duldung trifft auf breites Unverständnis“, kritisieren die Grünen die Entscheidung des Innensenators, einen Teil der Familie Aydin abzuschieben. Da es nur eine Art der Abschiebung gibt, hat der unbestimmte Artikel auch hier nichts zu suchen.

Zweifel der Grünen an der Kalkulation der Baukosten für den Großflughafen in Schönefeld lasen sich so: „Das Finanzierungskonzept setzt deutlich steigende Einnahmen im aviatorischen Bereich durch eine Zunahme der Fluggäste und eine Verzehnfachung des Frachtaufkommens.“ Die Verzehnfachung ist die Verzehnfachung, eine präzise Angabe. Eine Zunahme der Fluggäste ist natürlich zum Lachen. Sie sollen ja nicht dicker werden, man rechnet mit mehr Fluggästen, also mit einer Zunahme der Zahl der Passagiere.

Es ist immer wieder erheiternd, zu hören und zu lesen, was die Partei A, B oder C soeben auf einem Landesparteitag beschlossen hat. Schließlich leistet sich keine Partei mehrere Landesparteitage am selben Tag. Gerät ein Minister in Bedrängnis, heißt es schamhaft, er lehne einen Rücktritt ab, als gehe es nicht um seinen eigenen. Ach, es ist schon absurd, wie der unbestimmte Artikel missbraucht wird.

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