Berlin : Immer weniger Kinder essen in den Ganztagsschulen

Bildungsverbände beklagen, dass viele Eltern das Verpflegungsgeld nicht zahlen. Sie fordern, das Schulessen zu subventionieren. Senat bezweifelt die Angaben

Susanne Vieth-Entus

Berlins Eltern sparen am Schulessen. Nach Angaben des Ganztagsschulverbands haben alle Grundschulen mit Ganztagsbetrieb „große Probleme“, die gesamten Kinder für das gemeinsame Schulessen zu gewinnen. Bis zu vier Fünftel der Kinder bleiben demnach mindestens acht Stunden lang ohne warmes Essen. Grund sei die Weigerung der Eltern, die Kosten zu tragen. Übereinstimmend mit der Vereinigung der GEW-Schulleiter verlangt der Verband, das Essen zu subventionieren oder eine Essensteilnahme im Schulgesetz festzuschreiben. Die Bildungsverwaltung bezweifelt die Angaben und begründet dies mit abweichenden Ergebnissen bei einer eigenen Erhebung von Anfang 2006.

Die Schulleiterverbände verweisen auf die zunehmende soziale Schieflage in der Stadt, die sich seit 2006 weiter verschärft habe. Als Indiz für die finanzielle Not der Eltern nennen sie die hohen Raten bei der Lernmittelbefreiung, die nur sozial Schwachen gewährt wird. Allein in Neukölln ist die Quote der Kinder, die von dem Schulbuchkauf befreit sind, in einem Jahr von 37 auf 46,8 Prozent gestiegen. In den Grundschulen sind es bezirksweit sogar 53,6 Prozent. In Nordneukölln gebe es Schulen, in denen über 80 Prozent der Familien nicht mehr aus eigener Tasche die Bücher kaufen müssten, berichtet Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Er plädiert dafür, bundesweit das Schulessen gänzlich kostenfrei anzubieten und dafür auf Kindergelderhöhungen zu verzichten.

Die betroffenen Schulleiter haben es unter den gegebenen Bedingungen immer schwerer, die Kinder zum gemeinsamen Mittagessen an einen Tisch zu holen. Erhard Laube, Leiter der Spreewald-Grundschule, fordert Eltern inzwischen sogar dazu auf, ihre Kinder an eine Halbtagsgrundschule zu geben, wenn sie nicht zahlen wollen – wozu er sie aber nicht zwingen kann. Er sieht in dem Problem einen „gesellschaftlicher Skandal“.

Die 46 gebundenen Ganztagsgrundschulen in Berlin wurden überwiegend in sozial schwachen Regionen gegründet, um den Kindern ganztägig ein deutsches Sprachumfeld zu bieten. Der Besuch ist kostenlos, allerdings müssen die Eltern einen Vertrag mit den Caterern abschließen. Sie zahlen dann für das Essen im Schnitt über 40 Euro im Monat. Hingegen zahlen die Eltern für das Essen im nicht verpflichtenden so genannten offenen Ganztagsbetrieb nur eine Pauschale von 23 Euro. Sie können die Verträge mit den Caterern nicht kündigen, weil das Geld zusammen mit dem Hortbeitrag vom Bezirksamt eingezogen wird.

Diese Ungleichbehandlung war von Anfang an kritisiert, aber nie behoben worden. Die Bildungsverwaltung begründet dieses Beharren mit der erwähnten Umfrage von 2006. Damals hätten 88 Prozent der Kinder am Essen teilgenomen. Und nur 737 Familien hätten angegeben, aus Kostengründen ihre Kinder nicht zum Essen zu schicken.

Die beiden Verbände bezweifeln die Richtigkeit dieser Angaben. Die Umfrage sei zudem veraltet. Die Lage sei „dramatisch“, betont Mario Dobe vom Ganztagsschulverband.

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