Berlin : Immer wieder Sedlatzek

Katja Füchsel

Das neue Jahr war gerade eine Stunde alt. Draußen explodierten die Knaller, Raketen stießen in den Himmel. Im Haus der Elsenstraße 46 in Neukölln wurde ein Nachbar auf einen anderen Krach aufmerksam: Schüsse und Schreie aus der Wohnung einer afghanischen Familie. Als die Polizei eintraf, bot sich den Beamten ein Bild des Grauens: Im Flur lag eine Leiche, im Wohnzimmer eine weitere, im Schlafzimmer eine dritte. Auf dem Balkon versteckten sich vier Kinder. Die Opfer waren die dreifache Mutter Nezara Z., ihr Bruder und ihr Cousin.

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Der 16 Jahre alte Magid Z. wurde sofort festgenommen. Mit blutverschmierten Händen. Die Wohnung von Nezara Z. war seit Jahren sein Zuhause. Der Ehemann der 32-Jährigen hatte seinen Neffen nach Berlin geholt. Nezara Z. musste offenbar sterben, weil sie sich nicht beugen wollte. Der Familienclan ihres Mannes hatte laut Anklage verlangt, dass sie den Stammesbräuchen entsprechend ihren Schwager heirate. Das Gericht verurteilte den Schwager wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Der 16-Jährige erhielt wegen zweifachen Totschlags acht Jahre Jugendstrafe.

Alles andere als ein glückliches Jahr für die Familie Sedlatzek: Vier Mal wurde der Juwelier überfallen und beraubt. Im Februar, März, Juli und September. Drei Mal hatten Unbekannte in dem Geschäft am Kurfürstendamm Uhren und Schmuckstücke im Wert von mehreren 100 000 Mark entwendet. Im Juli hatten die Täter mit einem gestohlenen Auto gegen 5 Uhr früh Schutzgitter und Eingangstür zerstört. Unbeeindruckt von der ausgelösten Alarmanlage und der laufenden Alarmanlage und der laufenden Überwachungskamera räumten sie die Auslagen aus und verschwanden mit der Beute auf einem gestohlenen Motorrad.

Im Frühjahr war der Junior-Chef Ronald Sedlatzek vor seinem Wohnhaus in Lichterfelde überfallen worden. Die Täter entführten ihn im eigenen Auto, beraubten ihn und warfen ihn dann an der Potsdamer Chaussee in Zehlendorf aus dem Fahrzeug. Einen der mutmaßlichen Täter hatte Sedlatzek bei der Polizei aus 550 vorgelegten Fotos wiedererkannt. Das Gericht verurteilte den 35-jährigen Russen zu fünf Jahren Gefängnis.

Berto B. traf die Wahl seiner Opfer eher zufällig. Private Gründe hatten ihn am Nachmittag des 4. Januar in den Klüsserather Weg geführt, als ihm hier die damals neunjährige Sophia begegnete. Von hinten hielt er ihr den Mund zu und schleppte sie in seinen BMW. Zehn Autominuten entfernt brachte Berto B. sie in seine Wohnung in der Suhler Straße. Vier Nächte und drei Tage hielt er das Kind fest, missbrauchte es mehrfach. Dann setzte er Sophia in der Nähe eines Marzahner Polizeiabschnitts ab.

Sophias genaue Beschreibung zum Haus und der Wohnung führten schon wenige Tage später auf die Spur von Berto B. Bei der Polizei gestand der 36-Jährige, bereits im Juni 1997 ein Mädchen entführt zu haben. Die zehnjährige Bianka hatte der Mann 24 Stunden in seiner Gewalt. Das Gericht verurteilte Berto B. zu fünf Jahren Haft. Gleichzeitig ordnete es die Unterbringung des 36-Jährigen in der Psychiatrie an. "Es ist fraglich, ob er je wieder rauskommt", sagte die vorsitzende Richterin.

Die Großverdiener der Rauschgiftszene können es in der Regel nicht lassen: Erst kommt das Goldkettchen, dann der Sportwagen, Nerze und Juwelen. "Besonders ausländische Täter neigen dazu, den ganzen Habitus an den Tag zu legen", sagte Kriminaloberrätin Jutta Porzucek. Doch die Mitglieder der vier Berliner Familien lebten ohne Protzen und Prahlen - und flogen deshalb erst nach fast 20 Jahren auf.

Im August zerschlug die Polizei die Bande aus 50 Verwandten, Bekannten und Freunden. Wieviel Cannabis sie in den zwei Jahrzehnten geschmuggelt hat, ist unklar. Allein von 1996 bis 2000 kaufte die Bande laut Polizei für 33 Millionen Mark in Holland fünf Tonnen Haschisch - die dann in Berlin verkauft wurden. Der mutmaßliche Chef der Bande nahm sich wenige Tage nach seiner Festnahme im Gefängnis das Leben. Der 54-Jährige erhängte sich am Bettgestell in seiner Zelle.

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