Immunschwäche : Jede Woche sterben zwei Berliner an Aids

In Berlin infizieren sich infolge der zunehmenden Sorglosigkeit immer mehr Menschen mit HIV. Seit 2002 ist die Zahl der Neuinfektionen rapide angestiegen und befindet sich seit zwei Jahren auf hohem Niveau.

Tanja Buntrock/Annette Kögel

„In den vergangenen 5 Jahren hatten wir eine Verdoppelung der HIV-Erstdiagnosen“, sagt Kai-Uwe Merkenich, Geschäftsführer der Berliner Aidshilfe. Mehr als 9200 Berliner sind HIV-infiziert, 2200 davon aidskrank – den Prognosen zufolge werden sich auch dieses Jahr wieder rund 500 Menschen neu mit HIV anstecken. „Jede Woche sterben in Berlin zwei Menschen an Aids“, sagt Merkenich. Bei Jugendlichen nimmt das Bewusstsein für die Gefahren ungeschützten Geschlechtsverkehrs ab, heißt es bei „Pro Familia“. Zudem wissen Aidshilfe sowie Prostituiertenvereine, dass viele „der Freier auf dem Straßenstrich über die Bordelle bis zum Eskort-Service gegen Aufpreis Sex ohne Kondom verlangen“, sagt Merkenich.

Seit 2002 sei die Zahl der Neuinfektionen rapide angestiegen und befinde sich seit zwei Jahren auf hohem Niveau. Bei Befragungen gaben die Infizierten an, der Sexualpartner habe vertrauenswürdig und gepflegt gewirkt. „Viele Berliner haben Angst davor, dass Thema Aids und Kondomgebrauch anzusprechen, weil dies indirekt den Verdacht aufwirft, man selbst habe ein Problem“, sagt Merkenich. In der Homosexuellen-Szenestadt Berlin sind die Infizierten zu fast 90 Prozent schwule sowie bisexuelle Männer. Unter den restlichen zehn Prozent sank der Anteil der Drogenabhängigen, die Übrigen sind Frauen sowie Migranten.

„Viele Jugendliche wissen kaum etwas über die Risiken“, sagt Sexualpädagogin Almut Weise von Pro Familia. In den Beratungen redet sie mit Jungen und Mädchen – getrennt – oft auch über die richtige Kondomgröße sowie Gefahren des Analverkehrs. Diese Präventionsangebote fördert die Senatsgesundheitsverwaltung seit Jahren mit 2 Millionen Euro jährlich.

In Berlin sind Prostituierte einer großen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Auf Berlins ältestem Drogenstrich, der Kurfürstenstraße, verlange jeder zweite bis dritte Freier ungeschützten Sex. „Das haben wir durch Befragungen herausgefunden“, sagt Michaela Klose vom Tiergartener Hilfsverein „Olga“ für drogenabhängige Frauen und Prostituierte. Unter den Freiern seien viele Familienväter, auch Migranten, die somit ihre Familien in Gefahr bringen. Um die meist osteuropäischen Frauen zu schützen, setzt „Olga“ derzeit vier Dolmetscherinnen ein. Doch leider nutzten die Freier oft den „Suchtdruck“ aus.

Wird jemand von seinem Sexualpartner mit HIV infiziert, wird es schwierig, diesem nachzuweisen, dass er die Ansteckung billigend in Kauf genommen hat und somit vorsätzlich handelte. Mit bis zu zehn Jahren Gefängnis muss jemand rechnen, dem eine solche gefährliche Körperverletzung nachgewiesen werden kann. Eine Zahl über Ermittlungsverfahren von HIV-Fällen gibt es in Berlin nicht. „Es kommt immer mal wieder vor, doch vergleichsweise sehr selten“, sagte ein Ermittler. Schlagzeilen hatte jedoch ein Fall gemacht: Ein 27-Jähriger musste sich im März 2000 vor Gericht verantworten, weil er drei Frauen mit dem Aids-Virus infiziert haben soll. Auch hier gab es Schwierigkeiten, dem Angeklagten nachzuweisen, dass er tatsächlich von seiner Krankheit wusste, bevor er mit den Frauen geschlafen hat. Das Verfahren wurde am Ende eingestellt. „Das Problem ist, dass der Angeklagte immer vorgeben kann, er habe dem Sexualpartner von seiner Krankheit erzählt, doch dieser habe dennoch freiwillig auf einen Schutz verzichtet“, sagt ein Ermittler. Zudem könne nur sehr schwer per Gentest oder Bluttest ermittelt werden, ob sich ein Opfer wirklich bei dem Angeklagten angesteckt hat. Tanja Buntrock/Annette Kögel

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