Berlin : Impfpflicht gegen Kinderkrankheiten?

Ulrich Zawatka-Gerlach

Kein Kind weiß heute noch, was Pocken sind. So ein Glück. Als die Pockenimpfung 1854 eingeführt wurde, glaubten manche Menschen, dass sich ihr Kopf in einen Kuhkopf verwandelt, wenn sie sich impfen lassen. Denn der Impfstoff wurde damals aus der Haut von Rindern hergestellt. Heute ist diese furchtbare Krankheit ausgerottet. Dank einer entschlossenen, weltweiten Impfkampagne. Aber es gibt noch: Masern, Kinderlähmung, Diphtherie, Mumps, Röteln, Hepatitis B, Tuberkulose, Keuchhusten. Daran sterben, vor allem in den Entwicklungsländern, jährlich immer noch Millionen Kinder. In Deutschland werden diese Krankheiten von vielen Eltern offenbar nicht ernst genommen. Weil sie sie gar nicht mehr kennen! Denn mit Impfstoffen wurde erreicht, dass diese Infektionen nur noch sporadisch auftreten. Doch wer aus eigenem Erleben weiß, wie schrecklich Kinder leiden, wenn sie „nur“ Masern oder Keuchhusten haben, sollte ihnen dies ersparen. Und auch die gesundheitlichen Folgewirkungen. Nur wer impfen lässt, hilft mit, dass Impfungen eines Tages überflüssig werden. Stattdessen wird über Nebenwirkungen von Impfstoffen schwadroniert, die höchst selten auftreten und die man erst Recht nur aus Büchern kennt. Dann gibt es noch das schöne Argument: Das ist mein Kind, das darf der Staat nicht pieken. Gegen solche Eltern hilft auch keine Impfung.

Arm gebrochen beim Fußballspielen, eine Platzwunde beim Herumtollen, das plötzliche Fieber oder die heftigen Ohrenschmerzen – wer Kinder hat, der weiß, dass Krankheiten unvermeidlich zum Wachsen dazugehören. Verantwortungsvolle Eltern tun alles, damit ihren Kindern Leid erspart bleibt; aber auch die beste Behütung kann Krankheit nicht verhindern. Kinder gegen lebensbedrohende Krankheiten wie Diphtherie, Polio oder Tetanus zu impfen, darüber kann es keine Diskussion geben. Aber wer eine Impfpflicht gegen harmlose Kinderkrankheiten wie Mumps, Masern oder Windpocken fordert, greift nicht nur in das Selbstbestimmungsrecht der Eltern ein. Welcher Erwachsene möchte vorgeschrieben bekommen, sich gegen Grippe impfen zu lassen? Auch wenn man sich bei den Triefnasen in der U-Bahn oder im Büro ansteckt – auf die Idee einer Zwangsimpfung käme niemand. Das soll jeder selbst entscheiden. Gleiches gilt für die Kinderkrankheiten. Nach den Windpocken oder Mumps sind die Kinder auf natürliche Weise fürs Leben geschützt. Und wer von möglichen Komplikationen beim Krankheitsverlauf spricht, muss ein solches Risiko auch für die Impfung selbst eingestehen. Statt einer Zwangs-Impfung wären verpflichtende regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, bei der körperliche und geistige Entwicklungsstörungen festgestellt werden können, deshalb weit wichtiger. Gerd Nowakowski

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