Berlin : Impulse aus dem östlichen Denken

Ronald Berg

Yuko Hasegawa und Kasper König im Berliner Haus der KulturenRonald Berg

Schon der Titel der Podiumsdiskussion des Hauses der Kulturen der Welt "Kunst und Institutionen. Zur adäquaten Repräsentation zeitgenössischer Kunst" ließ durchblicken, welche Rolle dem Museum in westlich europäischer Tradition zu kommt, geht doch der Begriff der Repräsentation zurück auf den Totenkult. Dem entsprechend waren die Rollen zwischen Yuko Hasegawa und Kasper König am Donnerstag Abend verteilt: Während bei uns das Museum immer noch als Mausoleum der Kunstwerke gilt, hat man in Japan eine sehr viel lebendigere Vorstellung von seinen Aufgaben.

Yuko Hasegawa, Chefkuratorin am Museum zeitgenössischer Kunst im japanischen Kanazawa, berichtete zunächst vom Aufbau ihres Hauses. In Zusammenarbeit mit der Architektin Kazuyo Sejima entsteht derzeit in der 500 000 Einwohner großen Stadt ein zylindrisches Gebäude von 150 Metern Durchmesser, dessen Struktur aus temporären und permanenten Ausstellungsräumen, Sälen, Cafés und Auditorien fließende Übergänge erlaubt. Hauptanliegen dieser Planung ist die Ergriffenheit des Besuchers. Nach fernöstlicher Vorstellung vollendet sich das Kunstwerk erst im Bewusstsein des Betrachters. Es kommt also deshalb darauf an, dass die Kunst einen möglichst großen Eindruck hinterlässt. Dafür, so Frau Hasegawa, sei das Museum der geeignete Ort. Da die Japaner der Trennung zwischen schöner und angewandter Kunst entbehrten, wird das Museum in Kanazawa sowohl der modernen, westlich geprägten Kunst offen stehen, als auch etwa Design und traditionelle japanische Traditionen wie das Ikebana einbeziehen. Zudem verspricht sich Hasegawa durch eine große Internet-Leinwand im Zentrum des Museums, mit der Bilder aus aller Welt abgerufen werden können, eine qualitativ andere Kommunikation. Der Mensch könne hier "selbst ins Bild steigen".

Während man also in Japan das Museum neu erfinden will, möchte Kasper König, Kurator, Direktor der Städelschule und Gründer der Portikus-Ausstellungshalle in Frankfurt am Main, am liebsten alles beim Alten lassen. Statt interaktiver Gameshow oder Auslieferung des Museums an Zeitgeist und Kunstbetrieb also Beharren auf der Tradition. Das Museum als Produkt der Aufklärung habe die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren. Wo und wie das geschieht, sagte König allerdings nicht. Statt dessen stellte er einige der zahlreichen, von ihm besorgten Ausstellungen vor. Im Vergleich wurde deutlich, dass dabei das autonome Kunstwerk immer im Mittelpunkt steht. Um Vermittlung und Rezeption, wie bei Hasegawa, haben sich König und seine Künstler offenbar wenig Gedanken gemacht.

Auch die von Tagesspiegel-Redakteur Bernhard Schulz moderierte Diskussion konnte diese Frontstellung zwischen Alt und Neu, Ost und West nicht aufweichen. Während König an seiner alteuropäischen Haltung festhielt und sich offenbar nur vorstellen kann, den Kanon um einige in unseren Breiten kompatible Künstler Außereuropas zu erweitern, entgegnete Hasegawa mit fernöstlicher Höflichkeit, sie erwarte von der europäischen Kunst, das östliche Denken als Impulsgeber zu begreifen. Von der dem HdKW so naheliegenden Globalisierung des Diskurses konnte an diesem Abend noch keine Rede sein.

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