Berlin : In aller Herrlichkeit

Dirk Zöllner ist eigentlich Rockmusiker. In der DDR gehörte er zu den größten der Branche. Jetzt ist er „Jesus Christ Superstar“

Nana Heymann

Den Jesus nimmt man ihm sofort ab. Allein schon wegen der kinnlangen blonden Haare und der verwegenen Dreitagebart-Stoppeln. Ein bisschen aber auch wegen seines puritanischen Outfits aus lässig offenem Hemd und Jeans. So zumindest sitzt Dirk Zöllner an einem sonnigen Vormittag im Büro einer Musicalagentur in Mitte. Und wenn er dann noch mit seinen blauen Augen in die Sonne blinzelt, besteht kein Zweifel: Dieser Mann ist für die Rolle einfach prädestiniert.

Seit April dieses Jahres gibt Zöllner den Jesus, als Hauptdarsteller im Musical „Jesus Christ Superstar“ an der Staatsoperette in Dresden. Nun soll das Werk von Andrew Lloyd Webber neu inszeniert werden, unter freiem Himmel auf der Museumsinsel. An Zöllners Seite: Die Musical-erprobte Sängerin Anna Maria Kaufmann. Sie steht bereits seit Anfang der 90er Jahre auf der Musical-Bühne und gilt als eine der vielfältigsten Darstellerinnen ihres Fachs, spielte unter anderem die Christine in „Phantom der Oper“ oder die argentinische Präsidentengattin Eva Peron in „Evita“. In der Neuinszenierung übernimmt Kaufmann nun die Rolle der Maria Magdalena.

Den Auftritt vor großem Publikum ist Dirk Zöllner zwar auch gewohnt, doch saßen in seinem Publikum bis vor kurzem noch ausschließlich Rockfans. Bislang tobte sich der 44-jährige Sänger und Texter vor allem als Begründer und kreativer Kopf der Band „Die Zöllner“ aus oder stand alleine hinter dem Mikrofon. Ob dem Rocker der Wechsel ins Musical-Fach leicht gefallen ist? „Anfangs hatte ich da schon so meine Bedenken", sagt Zöllner. Neu war für ihn vor allem die Schauspielerei, in die er sich erst einarbeiten musste.

So viel ungespielter Bescheidenheit bedarf es aber gar nicht. Anna Maria Kaufmann attestiert Zöllner nämlich jede Menge Talent als Musicaldarsteller: „Das macht er ganz gut“, sagt sie mit charmantem englischen Akzent. Sie lernte den Berliner erstmals bei den Proben zur Neuinszenierung kennen. Diese finden derzeit im abgeschiedenen Ruhlsdorf bei Berlin statt. Die erste Begegnung ist auch Zöllner in deutlicher Erinnerung geblieben: „Ich kannte Anna Maria vom Namen her und hab mich vor Beginn der Proben über sie informiert. Als ich sie dann das erste Mal gesehen habe, kam mir gleich die Assoziation mit einer Diva.“ Das meint Zöllner nicht negativ, ganz im Gegenteil. Mit ihrer eleganten Art und ihrem selbstbewussten Auftreten strahle sie eine faszinierende Aura aus.

Über derartige Beschreibungen ihrer Persönlichkeit lächelt Anna Maria Kaufmann etwas verlegen. Vielleicht auch deshalb, weil ihr Werdegang bis hin zum gefeierten Musicalstar nicht einfach gewesen ist. Als Au-Pair-Mädchen kommt die gebürtige Kanadierin in den 80er Jahren nach Deutschland und absolviert später eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Doch die Sehnsucht nach dem Scheinwerferlicht auf der Bühne ist groß, größer als die Bedenken der Skeptiker, die sie vor einem unsicheren Künstlerleben warnen. Anna Maria Kaufmann entscheidet sich für eine klassische Gesangsausbildung. Und spielt schließlich an der Seite von Star-Tenor Peter Hofmann in „Phantom der Oper“. Ein Gefühl des Glücks und der Genugtuung für die Sopranistin.

Im Gegensatz dazu erklimmt Dirk Zöllner die Stufen der Karriereleiter als Musiker ziemlich schnell. Am Anfang zumindest. Er gründet 1987 in Ost-Berlin seine eigene Band, nimmt eine erste EP auf, spielt wenig später im Vorprogramm von James Brown, als die Soul-Legende Ende der 80er in Ost-Berlin auftritt – und ist kurz davor abzuheben, wie er selbst im Rückblick unumwunden zugibt. Erst die Wende holt Zöllner wieder zurück in die Realität. Diese könnte für ihn kaum härter sein. Ostrock? Interessiert plötzlich niemanden mehr so recht. Also beginnt für ihn alles noch mal von vorn.Der bis dahin vom Erfolg verwöhnte Musiker nimmt mit seiner Band Alben wie „Café Größenwahn“ oder „Goldene Zeiten“ auf. Und versucht, sich mit ausgiebigen Tourneen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz ins kollektive Musikgedächtnis der Gegenwart zu spielen.

Im Nachhinein ist Dirk Zöllner über diese Erfahrung froh. Es scheint, als könne er erst dadurch seine Erfolge wirklich genießen. So auch die Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Anna Maria Kaufmann. In langen Gesprächen hätten sie sich gegenseitig besser kennen gelernt und die Neuinszenierung von „Jesus Christ Superstar“ erarbeitet. Die Rockoper handelt von den letzten Tagen im Leben des Gottessohns, sie beginnt mit dem Einzug in Jerusalem und endet mit der Kreuzigung. Der Stoff, so finden Zöllner und Kaufmann, sei gerade in Anbetracht der zunehmenden Konflikte zwischen den Religionen aktueller denn je. Und da passt es eben auch, dass ein atheistischer Rocker und eine katholische Sopranistin gemeinsam auf der Bühne stehen und gegenseitige Toleranz und Vorbehaltlosigkeit demonstrieren.

„Jesus Christ Superstar“mit Dirk Zöllner und Anna Maria Kaufmann am 23. August um 19.30 Uhr auf der Museuminsel, „Evita“ mit Anna Maria Kaufmann am 22. August am selben Ort. Tickets und Information unter 2068 91 00.

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