• In aller Stille: Der Friedhof wird zur grünen Wiese Berlin will nach und nach 35 Ruhestätten schließen Ursache ist der Trend zur anonymen Beerdigung

Berlin : In aller Stille: Der Friedhof wird zur grünen Wiese Berlin will nach und nach 35 Ruhestätten schließen Ursache ist der Trend zur anonymen Beerdigung

Christian Helge Röfer

In der Kapelle des Friedhofs Ruhleben hat der Trauerredner seine Ansprache beendet, die Orgeltöne sind verklungen. Nun macht sich der Trauerzug auf den Weg. Der Sarg wird in die Erde gelassen. „Ruhe in Frieden.“ Als die Trauernden längst bei Kaffee und Kuchen sitzen, schaufeln zwei Friedhofsangestellte das Grab zu. Später wird ein Gärtner es bepflanzen, ein Steinmetz den Stein aufstellen. Die Szene hat in Berlin mittlerweile Seltenheitswert, das üppig bepflanzte Grab ist längst nicht mehr üblich. „Die Friedhöfe entwickeln sich allmählich zu grünen Wiesen“, sagt Achim Dick, Geschäftsführer der Friedhof Treuhand Berlin, einer Interessenvertretung von Friedhofsgärtnern. Immer mehr Menschen lassen sich anonym in Urnengemeinschaftsgräbern beerdigen.

„Das liegt an der gesellschaftlichen Entwicklung“, sagt der Religionssoziologe Wilhelm Gräb von der Berliner Humboldt-Universität. Bei allseits knappen Kassen und in einer Gesellschaft, die Mobilität und Flexibilität forderte, seien anonyme Grabstellen offenbar die bessere Variante. Zumindest sind sie in vieler Hinsicht günstiger. Zwar wurde die Berliner Bestattungsordnung vor einem Jahr so geändert, dass die Gebühren mit 520 Euro pro Bestattungsfall und nicht mehr nach Bestattungsart berechnet werden. Aber eine Erdbestattung ist mit durchschnittlich 2500 Euro teurer als ein Urnenbegräbnis mit knapp 1500 Euro. Vor allem kostet die Pflege des Grabes mehr als bei einem Urnengrab, zumal einem anonymen. „Zwischen vier und vierzig Euro im Monat“, sagt Dick.

Letztes Jahr gaben die Deutschen zwar rund elf Milliarden Euro für Bestattungen und Grabpflege aus. „Die Älteren haben aber Angst, ihren Nachkommen zur Last zu fallen, und bestimmen daher im Testament öfter eine anonyme Bestattung“, sagt Arne Ziekow von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. „Daraus spricht die traurige Gewissheit, dass Beerdigung und Grabpflege den Hinterbliebenen keine Ehre mehr ist, sondern eine Pflicht, keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Belastung.“ Das hat auch Gräb festgestellt. Er sagt, inhumane Züge ließen sich nicht verkennen.

2004 wurden in Berlin 31034 Menschen bestattet, etwa 24000 – und damit etwa drei Viertel – in Urnen, 12620 davon wiederum in Urnengemeinschaftsgräbern. Der Anteil der Einäscherungen und anonymen Beerdigungen ist in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, Letzterer um 15 Prozent. Dadurch ging der Bedarf an Grabfläche zurück. Zu Berlin gehören 225 Friedhöfe mit einer Gesamtfläche von 1470 Hektar – das sind theoretisch mehr als vier Quadratmeter Grabfläche pro Einwohner. Durchschnittlich liegt der Bedarf jedoch bei weniger als zwei Quadratmetern pro Grab. Die Stadtentwicklungsverwaltung geht langfristig von einem Überschuss von rund 730 Hektar Friedhofsfläche aus.

Von den Berliner Friedhöfen werden laut Entwicklungsplan des Senats 163 weiterhin für Begräbnisse genutzt, 27 haben eine historische Bedeutung und bleiben dauerhaft „Friedhofsparks“. Die übrigen 35 Friedhöfe sollen stillgelegt und nach Ablauf der gesetzlich festgelegten 30-jährigen Ruhezeit zu Grünanlagen umgestaltet, in Einzelfällen als Baugrund genutztwerden, bestätigt Hans-Georg Büchner von der Stadtentwicklungsverwaltung. Wie etwa der Friedhof an der Eisackstraße in Schöneberg. Hier liegen 2495 Verstorbene – allerdings bietet er Platz für mehr als doppelt so viele. Etliche Flächen sind leer. Nun sollen keine neuen Gräber mehr angelegt werden, sondern es soll die Frist für die genutzten abgewartet, der Friedhof danach geschlossen werden. Entschieden ist auch die Abwicklung des Schöneberger Friedhofs am Priesterweg, der beiden Friedhöfe Pankow II (Gaillardstraße) und PankowV (Germanenstraße) und des Friedhofs Hermsdorf I (Schulzendorfer Straße) in Reinickendorf. Weitere werden folgen.

Parallel dazu entstehen „Friedwälder“, Gebiete, in denen Verstorbene anonym unter den Wurzeln der Bäume beerdigt werden. Deutschlandweit wurden in elf Friedwäldern in den vergangenen vier Jahren 1000 Verstorbene begraben, 17 davon in einem Gebiet des Stahnsdorfer Südwestkirchhofs, wo bereits 40 weitere Grabstätten reserviert sind. In Berlin gibt es noch keinen Friedwald, die Bezirke Spandau und Steglitz-Zehlendorf wollen jedoch Areale auf einzelnen Friedhöfen ausweisen.

Den Religionssoziologen Gräb verwundert diese Entwicklung: „Wir wollen immer mehr Individualität, werden immer ichbezogener. Bloß auf dem Friedhof findet die große Gleichmacherei statt. Das passt einfach nicht zusammen.“

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