• In Berlin gewiß das beste Restaurant unter jenen , die sich auf die französische Tradition berufen

Berlin : In Berlin gewiß das beste Restaurant unter jenen , die sich auf die französische Tradition berufen

Bernd Matthies

Fichtestr. 24, 10967 Berlin-Kreuzberg, Telefon. 693 01 01, geöffnet: täglich ab 18 Uhr, sonntags geschlossen, Kreditkarten: keineBernd Matthies

Ist Kreuzberg am Ende? Gemeuchelt und ausgesaugt von der Szene in Mitte und Prenzlauer Berg? Womöglich Friedrichshain? Oder hat sich der Bezirk gefangen, als Mittelding zwischen neubürgerlichen Ansprüchen und jugendlicher Lässigkeit? Die Lokale leben unter wechselnden Namen weiter, Gäste sind drin - nur die Neueröffnungen mit viel Geld im Hintergrund finden anderswo statt, die Edelholztresen und Designer-Spielwiesen stehen in Mitte. Auch die Restaurants, über die man redet.

Diese Vorrede will sagen, daß das neue Restaurant mit dem völlig zu Recht nach Frankreich weisenden Namen "Cochon Bourgeois" keinen Anspruch auf Szene-Bedeutung erhebt und ganz gewiß nicht mit viel Geld ins Leben gerufen wurde. Es ist ein schlichtes Bistro, karg ausgestattet und mit eng gestellten Tischen auf knarrenden Holzdielen. Hat man schon öfter gesehen, und auch das Bürgerschwein im Namen deutet nicht auf Innovation hin. Allerdings ist da der Mitinhaber Dominique Marneau, einst Servicechef im "Bamberger Reiter", der mit seinem Namen nicht für öde Routine steht; sein Restaurant ist gewiß das beste unter jenen in Berlin, die sich auf die französische Tradition berufen.

Nun ist das noch kein gewaltiges Lob, weil das Aufwärmen von Dosenschnecken und Braten von Entrecotes selten große Küche entstehen läßt. Küchenchef Günter Behrmann, bislang im "Storch" und der "Möwe" nicht aufgefallen, schafft aber das Kunststück, Kreationsdrang und Tradition zu verbinden, deftig und fein zugleich zu kochen. Etwa bei einer schönen mürben Rinderroulade in einer kurzen, perfekt abgeschmeckten Sauce. Kapern und Kartoffel-Sellerie-Püree waren die idealen Partner; einige andere Gemüse drumherum wären nicht unbedingt nötig gewesen, spielten aber eine über das Dekorative hinausgehende Rolle. Ebenso sicher ausbalanciert war die zarte Kalbszunge in schaumiger Estragonsauce mit roten Beten und lockeren Kartoffelplätzchen: Eine gehobene Bistroküche modernen Stils, wie sie in Berlin so noch nicht zu haben war.

Das gilt auch für die Vorspeisen. Köstlich die zarte gebratene Wachtel auf Artischocken-Risotto, genau getroffen auch die Bouillabaisse mit Knoblauchbrot und Sauce Rouille, nur durch die Beigabe banaler Garnelen ein wenig beeinträchtigt. Zum Schwelgen verlockten die nicht unbedingt französisch inspirierten Desserts, zum Beispiel leichtes Grießflammeri mit Quitten oder eine knusprige, fast ohne Teig gebackene Tarte Limousin mit Walnüssen sowie Rahmeis.

Das Angebot offener Weine ist angemessen - also nicht billig, aber preiswert. Der feine Bourgogne Aligoté von Verget bietet das bei dieser Rebsorte Machbare (7 Mark für 0,1 Liter), Riesling und Cotes du Rhone stehen nicht nach. Unter den Flaschenweinen finden wir ebenfalls große französische wie Kreydenweiss und wiederum Verget sehr vernünftig kalkuliert. Marneau kennt das alles, berät also gut und hat den Service im Griff. Das "Cochon Bourgeois" ist eine rundum gelungene Sache, die gut ins bürgerliche Kreuzberg paßt.

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