Berlin : In Berlin ist nicht alles besser!

Ein Londoner Student antwortet Boris Johnson.

Torben David

Boris Johnson erklärt Berlin seine Liebe und preist die vielen Vorzüge der Stadt an. Niedrige Mieten, ein Paradies für Fahrräder, umgängliche Autofahrer und ein entspanntes Verhältnis zur Freikörperkultur zählt der Londoner Bürgermeister auf.

Nun ist Johnson bereits seit einigen Jahren, nämlich seit 2008, unangefochtenes Stadtoberhaupt und wurde vor nicht allzu langer Zeit auch in dieser Position bestätigt, er hatte also eigentlich schon viel Zeit, die von ihm so bewunderten Berliner Verhältnisse auf seine eigene Stadt zu übertragen.

Zumindest im Bereich der Mietpreise ist ihm das aber nicht gelungen. Ein einfaches Zimmer von vielleicht zehn Quadratmetern im universitären Studentenwohnheim kostet umgerechnet rund 700 Euro, Dusche und Küche werden mit vier Mitbewohnern geteilt. Für Wohnraum in vergleichbarer Lage zahlt man in Berlin vielleicht 250 Euro. Während in Berlin viele Studenten nach einer eigenen Wohnung suchen, ist das in London schlicht undenkbar, selbst angeblich gut situierte Bankangestellte leben teils in Wohngemeinschaften.

Für Fahrräder dagegen gilt: London ist wesentlich viel weiter als Berlin. Die passend benannten „Boris’ bikes“ stehen dem gemeinen Londoner im Zentrum an jeder Ecke zur Verfügung, für den geringen Preis von einem Pfund pro Tag oder fünf für eine Woche darf man damit so viel fahren, wie man möchte. Diese Möglichkeit wird auch rege genutzt, die blauen Fahrräder gehören mittlerweile zum Londoner Straßenverkehr wie die schwarzen Taxis. In Berlin dagegen: Fehlanzeige. Zarte Versuche der Deutschen Bahn, ein ähnliches System zu etablieren, haben bisher nicht gefruchtet.

Apropos Taxis: die bieten sich prima an, um das Verhalten der Autofahrer beider Städte zu vergleichen. Wer schon einmal durch Berlin mit dem Auto gefahren ist, kann es vermutlich bestätigen: Niemand fährt schneller und rücksichtsloser als die Taxifahrer dieser Stadt. In London dagegen bietet sich das entgegengesetzte Bild. Die Fahrer der berühmten schwarzen Taxis scheinen eine Art geheimen Berufsethos mit ihrem traditionsreichen Gewerbe zu verbinden. Rücksicht gegenüber den Fahrradfahrern der englischen Millionenmetropole scheint selbstverständlich. Sie dürfen sich an Kreuzungen vor die Autos stellen. So etwas sieht man in Berlin jedenfalls selten.

Was den angeblich regen Geschlechtsverkehr der Berliner in ihren zahlreichen Parks angeht, so ist der Grund für ein Ausbleiben dieser Praxis in London denkbar einfach. Die sorgsam gepflegten und umzäunten englischen Gärten werden nach Sonnenuntergang schlichtweg abgeriegelt. In Berlin dagegen herrscht entspannte Offenheit in vielen Parks, Zäune, die höher als bis zum Knie gehen sucht man zumeist vergeblich. Torben David

Der Autor lebt als Student in London.

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