• In Berlin konkurrieren zu viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in der Vorweihnachtszeit um Gelder

Berlin : In Berlin konkurrieren zu viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in der Vorweihnachtszeit um Gelder

Amory Burchard

Geertje König hat noch Hoffnung: "Man entscheidet sich doch nicht gegen ein Benefiz-Konzert, weil einem der Anlass ein bißchen fremd ist." Die Leiterin der Kulturabteilung der Norwegischen Botschaft ringt um den Erfolg der Wohltätigkeits-Veranstaltung für Straßenkinder in den Baltischen Ländern, das sie am Sonntag in der Philharmonie organisiert hat. Erst 100 Karten zum Preis von 20 bis 50 Mark wurden verkauft, obwohl seit Wochen auf Plakaten und mit Handzetteln für dieses Konzert geworben wird und Berliner Medien die Aktion unterstützen. Nur 100 von 2400 Philharmonie-Plätzen belegt - das sieht traurig aus, und für die Straßenkinder werde nur ein "marginaler" Betrag zusammenkommen, fürchtet die Konzertagentur.

Auch andere Benefiz-Veranstalter gucken enttäuscht auf leere Zuschauerreihen. Zu einer Aktion "Künstler gegen den Völkermord in Tschetschenien" im Hebbel-Theater kamen am vergangegen Sonntag nur vier zahlende Zuschauer. Macht sich in Berlin eine Benefiz-Müdigkeit breit? Gibt es in der Adventszeit zu viele Spendensammlungen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen?

Tatsächlich häufen sich gerade an diesem Wochenende die wohltätigen Anlässe: Am Sonnabend findet die schon seit Monaten ausverkaufte AIDS-Gala in der Deutschen Oper statt. Am Sonntag läd das "Dorint Hotel" zu einem "Benefiztag" zugunsten einer Tagesklinik für krebskranke Kinder, das "Hollywood Media Hotel" am Kurfürstendamm veranstaltet eine Lesung und ein Konzert zugunsten eines herzkranken Mädchens aus Zimbabwe. Außerdem startete vorgestern die Unicef-Weihnachtsaktion.

Das norwegische Benefiz-Konzert hat es da trotz großer Namen nicht leicht: Das Straßenkinder-Projekt wird von Unicef und der norwegischen Organisation "Redd Barna" (Rettet Kinder) unterstützt. Einer der Solisten ist der berühmte Cellist Misha Maisky. Bei der Konzertagentur Uhde & Harckensee ist man enttäuscht über den schleppenden Kartenverkauf. Dabei glaubt Tilman Harckensee nicht einmal, dass das Berliner Publikum gegen die Leiden der lettischen Straßenkinder immun seien. Vielmehr drohe das Projekt wohl am zu hohen Anspruch der Konzertgänger zu scheitern.

"Wenn jemand wie Maisky nicht mit einem renommierten Orchester spielt, erweckt das offenbar kein Interesse." Die schwedische Botschaft hatte erwogen, die Veranstaltung abzusagen, die im übrigen nur ein Ereignis in einer Reihe von adventlichen Benefiz-Aktionen für unicef und "Redd Barna" ist - angekündingt unter anderem sind ein weiteres Konzert im Berliner Dom und das Anzünden des norwegischen Weihnachtsbaums auf dem Pariser Platz. Aber die Lettischen Symphoniker und Misha Maisky wollten unbedingt kommen und in der Philharmonie spielen. Die Kosten für die Anreise, für Unterbringung und Organisation trägt das norwegische Außenministerium. Der gesamte Erlös aus dem Kartenverkauf - so gering er auch sein mag - geht an das Hilfsprojekt, sagen die Veranstalter.

Die Organisatoren des missglückten Tschetschenien-Benefizes im Hebbel-Theater haben im Namen der guten Sache - es geht um den Wiederaufbau des kriegszerstörten Kinderkrankenhauses in Grosny - jetzt ihre Strategie geändert. Nachdem die Initiative Berliner Schauspieler trotz einer Fax-Aktion an alle Berliner Redaktionen nur eine knappe Handvoll Interessierte begrüßen konnte, hat er sich neue Verbündetete gesucht. Peter Krüger gewann sowohl den Vorsitzenden der Akademie der Künste, György Konrad, als auch die Leiter des Deutschen Theaters und anderer Häuser in Stuttgart und Weimar als Unterstützer. Jetzt werden nach den Vorstellungen Spenden für das Kinderkrankenhaus gesammelt, das von der Organisation Cap Anamur betreut wird. So werde das Drama des tschetschenischen Volkes hoffentlich in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen, sagt Krüger.

Auch die Aids-Hilfe hat eine nachlassende Spendenbereitschaft beklagt. Die Aids-Gala in der Deutschen Oper ist allerdings seit Jahren das erfolgreichste Benefiz-Event Berlins. Das Rezept sei einfach, sagt Operndirektor Alard von Rohr: "Sehr berühmte und sehr gute Sänger und dann ein Ball, wie es ihn in Berlin sonst nicht gibt." Die Aids-Gala habe einen so hohen gesellschaftlichen Stellenwert, "dass man einfach kommen muss".

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