In Berlin-Weißensee : Naturdenkmal zersägt – „aus Versehen“

Eine Firma fällt eine unter Schutz gestellte Bruch-Weide, angeblich eine "Verwechslung", doch der BUND mag daran nicht glauben.

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Denkmalpflege per Kettensäge.
Denkmalpflege per Kettensäge.Foto: privat

Denkmalschutz schützt nicht vor menschlichem Versagen. In Weißensee ist von einer als Naturdenkmal ausgewiesenen Bruchweide nur noch der Stumpf übrig. Eine Baumpflegefirma sägte Mitte Oktober eine rund 80 Jahre alte Weide ab, obwohl ein Schild „Naturdenkmal“ davorstand. Eine „Verwechslung“, argumentiert die Wohnungsbaugesellschaft Gesobau, auf deren Grundstück die Bruchweide – Stammumfang 5,50 Meter – stand. Eigentlich hätte eine andere Weide, 40 Meter entfernt, gefällt werden sollen.

Bezirk will die Staatsanwaltschaft einschalten

Der Irrtum kann für die Firma erhebliche Folgen haben. Stadtrat Thorsten Kühne (CDU), für Naturschutz zuständig, will von der Staatsanwaltschaft prüfen lassen, ob eine Straftat vorliegt. Auch wenn es nur eine Ordnungswidrigkeit sein sollte, könnte der Baumfrevel mit einem Bußgeld in fünfstelliger Höhe geahndet werden.

Für Kühne steht fest, dass die Firma vor Ort keine Skizzen oder die Fällgenehmigung dabei hatte, um sich zu orientieren. Gefragt wurde stattdessen ein Gesobau-Mitarbeiter, wo denn der „kranke Baum“ stehe.

BUND-Experte Christian Hönig glaubt nicht wirklich an eine Verwechslung. Möglicherweise habe der Baum einem Bauprojekt im Wege gestanden. Dieselbe Fachfirma, die fällen ließ, habe nur einen Monat vorher ein Gutachten zu der Weide gemacht und Pflegemaßnahmen vorgeschlagen, um den altersschwachen Baum zu stabilisieren. Damit niemand durch herabfallende Äste zu Schaden kommt, wurde um die Baumkrone herum ein Bauzaun aufgestellt. Naturdenkmal-Bäume dürften eines natürlichen Todes sterben, sagt Kühne, ein Fällen ist nur in Ausnahmefällen mit Genehmigung der Behörde erlaubt.

67 Naturdenkmäler sind nur noch Karteileichen

Pankow hat jetzt nur noch 72 Naturdenkmäler, berlinweit sollen es 600 sein, doch bei einer Bestandsaufnahme des BUND erwiesen sich 67 der gelisteten Bäume als Karteileichen. In der Realität sind sie längst abgestorben oder schon beseitigt worden. Die Naturschutzämter der Bezirke könnten sich wegen der vielen Aufgaben kaum um die Bäume kümmern, sagt Hönig. Zeitweise seien die Schilder auch eigenmächtig von Aktivisten versetzt worden, um von Fällungen bedrohte Bäume zu retten.

So sah die Weide im Sommer aus.
So sah die Weide im Sommer aus.Foto: privat

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