Berlin : In dem Kegel am Spreeufer wurden die Ziegel für das Köpenicker Rathaus gebrannt

Steffi Bey

Vermutlich werden sich schon viele über den riesigen Kegel gewundert haben, der direkt am Ufer der Alten Spree steht. Der backsteinfarbene Bau, dem man seine 110 Jahre auch ansieht, passt irgendwie nicht in diese Umgebung. Seine schäbige Fassade hebt sich deutlich von den modernen Stadtvillen der Nachbarschaft ab. Doch der Leiter des Heimatmuseums, Claus- Dieter Sprink, ist stolz, dass sich dieses Bauwerk in Köpenick befindet: Denn bei dem 22 Meter hohen Kegel handelt es sich um den einzigen, noch in Berlin erhaltenen Kalkofen. Hätte sich der engagierte Köpenicker nicht vor sechs Jahren vehement für das Industriedenkmal eingesetzt, würde es den Ofen nicht mehr geben. Die Köpenicker Wohnungsbaugesellschaft, die damals die Neubausiedlung an der Friedrichshagener Straße errichtete, wollte den Backsteinriesen abreißen lassen. "Glücklicherweise wurde der Antrag abgelehnt", sagt der Museumsleiter.

Stattdessen renovierten Denkmalschützer das seltene Bauwerk. Die meisten Bewohner haben sich inzwischen an den auffälligen Blickfang gewöhnt, obwohl er so manchem die freie Sicht aufs Wasser versperrt. "Manchmal wollen Ruderer wissen, was das denn Komisches ist", berichtet ein Bewohner. Auch Touristen hätten sich schon nach dem Kalkofen erkundigt. Der Steinbau, der vermutlich 1890 gebaut wurde, gehörte einst zu einer Batterie von vier Brennöfen am Ufer der Alten Spree. "Seit 1860 diente das Gelände als Kalkbrennerei", erzählt Sprink. Der Bauunternehmer Paul Selchow hatte 1890 das Areal übernommen. Er ließ den Rohkalk per Schiff von den Rüdersdorfer Kalksteinbrüchen zu den Öfen transportieren. Mauer-, Schamott- und Kalksteine aber auch Zement, Gips und Kalk wurden dort produziert.

Der gebrannte Kalk wurde in vielen Bauten der Dammvorstadt verarbeitet: Auch das Material für das Köpenicker Rathaus lieferte der erhaltene Brennofen. Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte auf dem Wassergrundstück, gegenüber der Baumgarteninsel, noch einige Jahre die Kalkbrennerei. 1968 übernahm dann die Köpenicker Fischereigenossenschaft das inzwischen total verwilderte Gelände. Sie hatte die Auflage, den letzten noch übriggebliebenen Ofen zu erhalten. So mussten die Fischer den roten Backsteinriesen von ungelöschtem Kalk und Schutt befreien. Noch zu DDR-Zeiten wurde der Ofen unter Denkmalschutz gestellt und nach der Wende auf die Landesdenkmalliste gesetzt.

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