Berlin : In den 70ern flog Goethe schon mal raus

Pro & Contra: Sollen Klassiker aus dem Unterricht verbannt werden? Experten fordern „lebensnähere“ Texte

Susanne Vieth-Entus

42 Prozent der deutschen Kinder lesen nicht zum Vergnügen – dies war eines der markantesten Pisa-Ergebnisse. Nun zerbrechen sich alle Kultusverwaltungen die Köpfe, wie dieser Missstand zu beheben ist. Auch Berlin ist mittendrin in der Analyse der Versäumnisse und versucht, die Rahmenpläne der Grund- und Oberschulen entsprechend zu verändern. Noch ist nicht klar, woran es liegt, dass die Schüler nicht nur ungern lesen, sondern auch schlecht. Werden ihnen zu lebensfremde Texte angeboten, oder hapert es an den Methoden? Schon ist ein Streit entbrannt, welchen Stellenwert künftig Klassiker im Unterricht haben sollen.

Diese Auseinandersetzung ist nicht neu. Schon in den 70er Jahren galt es als politisch korrekt, die Klassiker aus dem Unterricht zu verbannen. Mühselig wurde anschließend versucht, die Standardwerke wieder zurück in die Klassenzimmer zu holen, um wenigstens ein literarisches Grundgerüst aufbauen zu können. Und tatsächlich finden sich all die vertrauten Titel auch in den derzeitigen Rahmenplänen. Für Grundschulen wird empfohlen, die Märchen der Brüder Grimm zu lesen, griechische Sagen, Fabeln, Kästner, Lindgren, Janosch, Kishon, Preußler und vieles mehr. In Klasse 8 muss verbindlich eine Novelle des 19. Jahrhunderts gelesen werden, zudem werden Kurzgeschichten von Böll, Brecht, Storm empfohlen. In Klasse 9 kommen Dichter wie Goethe, Kleist, Brentano, Fontane hinzu. In Klasse 10 ist ein deutschsprachiger Roman verbindlich, empfohlen wird dann noch vieles vom „Steppenwolf“ bis zu „Jacob der Lügner“.

Was aber passiert, wenn 14-Jährige 100 Seiten E.T.A. Hoffmann oder Brentano lesen sollen? „Die Hälfte der Schüler holt sich die Zusammenfassung des Stücks aus dem Internet“, lautet in vielen Klassen die Antwort. Die Schüler schaffen es einfach nicht, sich durch die „fremde“ Sprache durchzufinden.

„Es kommt darauf an, wie man mit den Schülern an die Texte herangeht“, sagt Christine Sauerbaum-Thieme, Expertin für das Fach Deutsch im Landesschulamt. Sie tritt dafür ein, die Klassiker uneingeschränkt im Rahmenplan zu lassen. Für sie hat Schule „versagt“, wenn sie es nicht schafft, das Interesse der Schüler für die Literatur zu wecken. Ähnlich sieht es Eva-Maria Kabisch von der Schulverwaltung. „Damit wir uns im eigenen Kulturbereich orientieren können, brauchen wir die Klassiker“, betont sie. Es müssten aber auch Alltags- und Sachtexte stärker einbezogen werden, um die Interessen der Schüler zu berücksichtigen. Es komme auf die richtige Proportion an. Falsch sei es, wie in Finnland 70 Prozent der Texte aus Jugendzeitschriften zu nehmen.

FU-Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen widerspricht. Die Klassiker gehören für ihn vor allem in die gymnasiale Oberstufe. Vorher müsse es erstmal darum gehen, dass die Schüler überhaupt Lesemotivation und Leseverständnis entwickeln. Und dies gelinge „kaum mit Texten von Kleist und Lessing“. Deshalb plädiert auch das Landesinstitut für Schule und Medien dafür, sich stärker am Beispiel Finnland zu orientieren, wo nur 22 Prozent der Pisa-Schüler angaben, nicht zum Vergnügen zu lesen. Susanne Vieth-Entus

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