Berlin : In den Chefetagen sitzen keine Fußball-Fans

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In einer Woche ist Anpfiff in Asien – und wo können wir die Spiele sehen? Einen Fernseher auf den Schreibtisch stellen? Ein Radio neben das Produktionsband? Ob das der Chef erlaubt? „Bei Handwerksbetrieben oder kleineren Mittelständlern kann man das relativ einfach organisieren“, sagt Thorsten Elsholz, der Sprecher der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg, „dann fängt man eben ’ne Stunde früher an und arbeitet abends entsprechend länger“.

Doch was ist bei großen Unternehmen? Schering zum Beispiel hat 6000 Mitarbeiter in Berlin. „Während der Arbeitszeit wird bei uns weder Radio gehört noch ferngesehen“, stellt Unternehmenssprecher Mathias Claus klar. „In den Labors könnten da Situationen entstehen, wo die Arbeitssicherheit nicht mehr gewährleistet ist.“ Aber in den Büros, da ginge es doch? „Nein, wir wollen schon die Gleichbehandlung aller Mitarbeiter.“ Lediglich WM-gemäße Gleitzeitregelungen könnten möglich sein, wenn der Abteilungsleiter zustimmt und das Arbeitspensum des Teams nicht beeinträchtigt wird.

Anders gesagt: Wer sich rechtzeitig gekümmert hat, leistet an den entscheidenden Tagen eben nur Spät- oder Nachtschicht. Dann hat er tagsüber frei. Es sei denn, er arbeitet bei BMW. Die bauen in Spandau Motorräder – im 2-Schichten-Betrieb. Schichtwechsel ist um 14.30 Uhr – da fallen die deutschen Spiele, die alle um 13.30 Uhr beginnen, schon mal weg. Fernseher gibt es bei BMW nicht, auch nicht in den Pausenräumen, denn „da müssen sich die Leute erholen“, wie ein Unternehmenssprecher sagt. Auch das Gewähren von Urlaubs- und freien Tagen sei nur in sehr engen Grenzen möglich.

Aber wie sieht es zum Beispiel in den Filialen der Bankgesellschaft aus? Da stört ein Fernseher doch nicht wirklich, und die Kunden hätten auch was davon. „Bei uns stehen nur in den großen Schwerpunkt-Filialen Fernseher“, dämpft BGB-Sprecher Frank Weidner solche Hoffnungen, „da läuft n-tv“. Immerhin. Im Übrigen, so Weidner weiter, „hat die BGB derzeit wirklich andere Sorgen, und die Belegschaft hat auch noch keine entsprechenden Wünsche geäußert“.

Ähnliches sagen auch die Gewerkschaften. Andreas Splanemann, Verdi-Sprecher: „Wir stehen in einer ganzen Reihe von Konflikten und Tarif-Auseinandersetzungen, da ist Fußballgucken kein Thema.“ Auch der Beamtenbund sieht keinen Grund, sich für Fußballfreunde in den Behörden einzusetzen: „Wir erwarten, dass die Kollegen ihren Dienst tun“, heißt es dort. Werden also alle, die ohne Fußball nicht leben können, nun krank feiern? Vermutlich nicht; vor Fußball rangiert in Deutschen wohl immer noch die Disziplin. Unternehmensverbandssprecher Elsholz erwartet keine höheren Krankenzahlen als gewöhnlich. Olympische Spiele hätten sich auch nicht dergestalt ausgewirkt.

Gute Nachrichten gibt es aber auch. Zum Beispiel für die 16 000 Siemens-Angestellten in Berlin und Brandenburg: Sie dürfen, sofern sie ihr Tagwerk dennoch erledigen, Fernseher oder Radio laufen lassen. „Wir setzen auf mündige Mitarbeiter“, lautet die lapidare Begründung. how

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