Berlin : In den eigenen vier Wänden

Insassen der Justizvollzugsanstalt Tegel spielen Tischtennis in der Kreisliga – und haben immer Heimvorteil

Jörg Petrasch

Die Berliner sind ja allgemein bekannt für ihre direkte Art. Und zwar in jeder Situation. Damit hat Rade Vitomir schon so seine Erfahrungen gemacht. Viele wollen beispielsweise von ihm wissen, wen er denn umgebracht habe, sagt der 34-Jährige, „die meisten unserer Gegner gehen davon aus, dass wir schwere Straftaten begangen haben.“ Ganz aus der Luft gegriffen ist diese Vermutung allerdings nicht. Vitomir ist Insasse der Justizvollzugsanstalt Tegel, Deutschlands größtem Knast. Er sitzt wegen zweifachen versuchten Totschlags ein.

Dass Vitomir aber diese Frage immer wieder von neuem beantworten kann, verdankt er seinem Hobby. Seit drei Jahren spielt der gelernte Werbekaufmann regelmäßig Tischtennis. Und zwar in einem überaus exklusiven Klub. Das Tischtennisteam der JVA Tegel nimmt als einziger Knast-Verein Deutschlands am öffentlichen Spielbetrieb teil – ausschließlich mit Heimspielen. Momentan rangiert die Mannschaft in der 3. Kreisliga, 1. Abteilung D, auf einem hinteren Mittelfeldplatz. Aber die Platzierung ist ohnehin nicht alles. Ein anderer Aspekt ist wichtiger. „Gegen Leute von draußen zu spielen, ist sehr gut für das Selbstbewusstsein“, sagt Vitomir.

Ein Sonntagmorgen bei einem Punktspiel. In der kleinen Sporthalle der JVA haben bequem vier Tische Platz, zwei davon sind aufgestellt. Die Spieler zählen selbst, einen Schiedsrichter gibt es nicht. Auch die Spielkleidung ist nicht einheitlich. Alles ganz normal für diese Liga. Ungewöhnlich ist etwas anderes: Nachdem man durch eine dicke Metalltür in der Gefängnismauer, zwei durchsichtige Schutztüren und zwei Gittertüren endlich ins Halleninnere gelangt ist, weist plötzlich gar nichts mehr auf den Knast hin: keine vergitterten Fenster, keine Justizvollzugsbeamten mit Handschellen und Waffen, keine grimmigen Gesichter.

„Die Atmosphäre ist bei uns eher kameradschaftlich“, sagt Heiko Gardt. Der zuständige Sportbeamte, der mit zwei weiteren Kollegen für den gesamten Gefängnissport verantwortlich ist, sitzt im Trainingsanzug auf einer Bank bei den Spielern. Vorgefallen ist unter seiner Regie noch nie etwas.

„Ich fühle mich hier sicher. Mir macht es nichts aus, im Knast zu spielen“, sagt einer der Spieler vom Gastverein. Das mag einerseits an den vertrauten Pingpong-Geräuschen liegen. Andererseits liegt es an den Gastgebern selbst. Denn die Spieler der JVA Tegel vermitteln nicht den Eindruck, tickende Zeitbomben zu sein. Sie wurden zuerst auf ihre spielerischen und vor allem sozialen Kompetenzen geprüft. „Psychisch Labile werden nicht für den Sport zugelassen“, sagt Heiko Gardt. Und diejenigen, die zugelassen sind, riskieren nichts, denn Tischtennis hat wegen des regelmäßigen Kontakts zur Außenwelt einen hohen Stellenwert in Tegel.

Als Möglichkeit der Wiedereingliederung hat sich das bisher bewährt. Und an diesem Sonntag stimmt auch das Ergebnis: Nach zweieinhalb Stunden geht das Spiel 7:7 aus. Danach versucht der Mannschaftsführer der Gäste freundlich, den Spitzenspieler der JVA, Rade Vitomir, abzuwerben. Der überlegt es sich, sein Vertrag in Tegel läuft noch ein Jahr.

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