Berlin : In den sanften Süden

Radpartie 8 zu Spargelhöfen, Vogelparadiesen und weiten Seen bei Beelitz: Reisende in der Postkutsche fanden die Gegend einst öde. Aber der Dichter Hermann Sudermann verliebte sich um 1900 ins Land an der Nieplitz und schuf in Blankensee sein mediterranes „Stückchen Welt“

Christoph Stollowsky

In dieser Gegend verlor selbst Hans Christian Andersen die Lust am Reisen. Er verzog das Gesicht beim Anblick der märkischen Landschaft und zog die Vorhänge zu. Am liebsten hätte er jetzt die Pferde angefeuert, da warf ihn ein Stoß in die Polster zurück. Die Postkutsche schaukelte hinter Beelitz durch Schlaglöcher und der dänische Märchendichter nahm sich vor, den Fläming künftig zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Normalerweise liebte es Andersen, neue Landschaften zu entdecken, und war Mitte des 19. Jahrhunderts häufig in Europa auf Tour. Nun fuhr er gerade auf der letzten Etappe der Alten Poststraße von Sachsen nach Berlin, sah nichts als Sand, Moor und Kiefern. Noch am Abend schrieb er ins Tagebuch: „Allmählich ging die ganze Gegend … in die personifizierte Schwindsucht über.“

Bereits 50 Jahre zuvor hatte sich Johann Friedrich Abegg, Rektor der Uni Heidelberg, über den „öden, unglaublichen Weg“ beklagt. Auch Johann Wolfgang von Goethe, der in Beelitz übernachtet haben soll, entdeckte entlang der märkischen Poststraße nichts Gutes außer dem Spargel. „Der Spargel ist der König aller Gemüse“, notierte er, „bedauerlich, dass seine Herrschaft so kurz währt." In dieser Zeit allerdings, mochte Goethe die Landschaft an der Nieplitz wohl leiden. Hier gedieh das schmackhafte Liliengewächs schon damals besonders gut.

In großer Menge wurden die grünen und weißen Stangen aber erst seit 1860 auf den Feldern der populären Spargelregion angebaut – von einem Menschenschlag, der im 19.Jahrhundert ebenso wie seine märkische Heimat als wenig anziehend galt. „Der Fläminger ist mäßig in allen Vergnügungen … an dem Alten hält er fest und zeigt sich gegen Neuerungen widerwillig“, war noch um 1900 im Buch „Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild“ zu lesen. Was hat diese Gegend also zu bieten außer Spargel von welligen Äckern, die aussehen, als würde gerade eine Dünung über sie hinwegziehen?

Vor allem Ruhe und naturbelassene Schönheit: eine sanfte Landschaft im Zweistromland der Flämingflüsse Nuthe und Nieplitz mit alten Dörfern, Obsthainen und Eichen, leuchtend roten Hagebutten, Feuchtwiesen, Mooren, Weihern, Erlenbrüchen, Sandwegen und ausgedehnten flachen Seen – umgürtet von Schilf. So erlebte der Berliner Dramatiker Hermann Sudermann das Land zwischen Beelitz und Blankensee, als er um die Jahrhundertwende hier zur Sommerfrische weilte und sich in die Gegend verliebte. Das Verhältnis vieler Menschen zum Land um Berlin war inniger geworden, seit Theodor Fontane seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862-82) veröffentlichte und Naturfreunde den Charme unberührter Landschaften entdeckten.

Hermann Sudermann fand hier sein Refugium. Im Jahre 1902 kaufte er das Schlösschen sowie den von Peter Lenné gestalteten Park des Landgutes Blankensee. Im weißen Anzug, schon etwas korpulent und mit schwarzem Vollbart – so steht er auf Fotografien im Grünen neben steinernen Damen wie Flora, der römischen Göttin der Blumen. Und er liebte es, alte Blankenseer Geschichten zu hören: Seit dem 14. Jahrhundert residierten im Ort die Herren von Thümen. Sie galten als ungehobelte Junker. Einer wollte hoch zu Pferde die Treppen zur Loge in der Dorfkirche hinaufreiten und brach sich dabei den Hals. Ein anderer ließ sich angeblich ein Zimmer des 1740 gebauten Barockschlosses mit Zink auskleiden und mit Wasser füllen, um darin zu angeln. Außerdem hatten die Junker Ärger mit den preußischen Königen, weil Blankensee bis 1815 eine sächsische Enklave war, die sich in den Potsdamer Machtbereich hineinschob. Viele in den Militärdienst gepresste preußische Bauern desertierten in den „Thümschen Winkel“.

Sudermann mochte die knorrigen Landedlen und war als ihr Nachfolger in Blankensee kaum weniger eigenwillig. Geld besaß er genug, 1889 machte ihn sein erstes gesellschaftskritisches Drama „Die Ehre“ auf einen Schlag berühmt. Bis zur Jahrhundertwende galt er als einer der bedeutendsten Dramatiker des Naturalismus, er wurde in einem Atemzug mit Gerhart Hauptmann genannt und kassierte üppige Honorare. Doch schon bald sank sein Dichterstern.

Kritiker sahen seine Veröffentlichungen als trivial an und hoben Hauptmann hoch. Sudermann schrieb trotzig weiter, doch zugleich zog er sich ins Blankenseer Schlösschen zurück und inszenierte dort seine eigene Welt, in die kein Kritiker hineinreden konnte: sein persönliches Arkadien. Er schmückte den romantisch-melancholischen, von der Nieplitz durchflossenen Schlosspark mit Skulpturen, Brückchen und Säulen, die er leidenschaftlich sammelte.

Nach dem Tod des Dichters 1928 verfiel sein Werk: Das Schloss wurde seit den 60er Jahren als Oberschule genutzt, entsprechend ramponiert sah es zur Wendezeit aus. Aber Sudermanns „südliches Stückchen Welt“ wurde wieder entdeckt und ist heute schön wie einst. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften richtete das Kleinod her und nutzt es als Tagungshaus.

Zur Eröffnung 1998 zitierte man Sudermann-Texte, der Park glühte im Fackelschein. Ein symbolträchtiges Bild auch für die touristische Zukunft des Landstrichs. Denn so engagiert wie die Denkmalspfleger gehen dort die Umweltschützer zu Werke und gewinnen im Naturpark Nuthe-Nieplitz verlorene Schönheit zurück. So opferte man zu DDR-Zeiten die Moore der Landwirtschaft. Sie wurden trockengepumpt, es entstanden Koppeln. In 30 Jahren verschwand so viel Moor, wie in 700 Jahren wachsen kann. Doch heute glitzern auf den einstigen Weiden weite Wasserflächen wie bei Stangenhagen. Die Pumpen sind abgeschaltet, Grundwasser überschwemmt erneut das Land. Die Moore lassen sich zwar nicht zurückgewinnen, aber es ist wieder ein Eldorado für seltene Wasservögel entstanden.

Vermutlich hatte der Märchendichter Hans Christian Andersen dafür wenig Sinn, als er am Fläming nichts Gutes ließ. Wäre seine Kutsche nach Blankensee geraten, hätte er sein vernichtendes Urteil wohl revidiert. Ähnelt das Landgut in seinem Märchen vom hässlichen Entlein doch dem Schlösschen am Blankensee: „Mitten im Sonnenschein lag dort ein altes Gut, von tiefen Kanälen umgeben, und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, dass kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten .“

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