• In den Schnee oder doch lieber zur Nachhilfe? Halbjahreszeugnisse schrecken viele Eltern auf

Berlin : In den Schnee oder doch lieber zur Nachhilfe? Halbjahreszeugnisse schrecken viele Eltern auf

sve/gero

Klirrende Winterluft, knirschender Schnee - oder doch lieber schmeichelnder Wellengang irgendwo am warmen Strand? Oder einfach nur ein paar frische Schrippen in Ruhe genossen am Berliner Frühstückstisch? Das Leben kann Spaß machen an so einem ersten Ferientag wie heute. Es kann aber auch ziemlich unangenehm sein, wenn zum Beispiel das Zeugnis nicht so ausfiel, wie sich das die Familie dachte.

Dann kann es gut sein, dass es sofort zum "Tag der offenen Tür" geht, den etliche Nachhilfeinstitute wohlweislich gleich heute nach der Zeugnisvergabe anbieten. Anstatt die Skier aufs Autodach zu schnallen, zückt manche Familie lieber das Branchenverzeichnis, um eine Nachhilfeadresse in ihrer Nähe zu suchen.

Das Geschäft mit der Angst vor einem schulischen Absturz boomt. Insbesondere steigt die Zahl der Grundschüler, die zur Nachhilfe geschickt werden, weil die Eltern den Weg zu einer Gymnasialempfehlung ebnen wollen. Sobald die Kinder auf dem Gymnasium angekommen sind, beginnt der Kampf um das Bestehen des Probehalbjahres - und immer so weiter.

"Seit vielen Jahren schon sehen wir, dass Eltern ihre Kinder mit überzogenen Anforderungen überfordern oder sogar quälen", berichtet Oberschulrat Gerhard Nitschke. Das Gymnasium werde als "Erfüllung" angesehen. Das traditionelle "Zeugnis-Sorgentelefon", das die Schulverwaltung auch gestern wieder anbot, wird denn auch kaum von Kindern, sondern fast ausschließlich von Eltern genutzt, die etwa wissen wollen, ob ihr Kind trotz Realschulempfehlung aufs Gymnasium gehen kann ("Ja!").

Angesichts von rund 400 000 Schülern, die gestern Zeugnisse bekamen, wurde das Sorgentelefon allerdings kaum genutzt. 20 Anrufe dürften es wohl gewesen sein, schätzt Nitschke. Darunter war auch ein Vater, der einfach nur loswerden wollte, dass die bösen Schüler auf dem Weg zur Sporthalle immer ihre Kippen in seinen Vorgarten werfen. Nitschke muss ziemlich lachen, als er das erzählt. Allerdings wird er gleich wieder ernst, als er auf das Problem mit den überzogenen Elternerwartungen zurückkommt.

"Die Kinder sind in großer Not", bestätigt Ellen Luther von der Nachhilfeorganisation "Schülerhilfe", die heute ihre 15. Berliner Niederlassung (in Rudow) eröffnet. Sehr viele Anfragen beträfen Kinder der vierten und sechsten Klassen. Vor allem Mathematik, Deutsch und Englisch werden gewünscht, weit abgeschlagen sind Physik, Chemie und Latein. Im Schnitt 220 Mark pro Monat lassen sich die Familien die Nachhilfe kosten.

Auch der "Studienkreis", der zweite große Nachhilfeanbieter der Stadt, kann sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. In seinen 25 Niederlassungen versorgt er rund 3000 Berliner Kinder, die im Schnitt 18 Monate bleiben. Gegenüber 1999 ist die Teilnehmerzahl laut "Schülerkreis" um rund zehn Prozent gestiegen.

"Es wäre besser, wenn sich die Eltern nach den Empfehlungen der Grundschule richten würden", resümiert Cornelia Bürkle, Chefin des kleinen Nachhilfebüros "Educo" in Kreuzberg, dass mitunter im Einzelunterricht und sogar am Wochenende die Kinder durch das Probehalbjahr "peitscht".

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