Berlin : In den Schrank

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies sinniert über

Tassen und ihre politische Botschaft

Wie könnte dieses Delikt heißen? Verunglimpfung des Andenkens verstorbener Symbole? Eher wohl das Gegenteil: Der Zorn, den Kaffeetassen mit DDR-Ikonen provozieren, scheint anzunehmen, dass die Herstellerfirma die Wiederkehr des realen Sozialismus’ plant und schon mal die Unterwanderstiefel angezogen hat. Mit dem Trabi zum Frühstück fängt es an, dann lassen wir uns vom DDR-Wappen umnebeln; nicht mehr lange, dann steht der Abschnittsbevollmächtigte vor der Tür und die SPD wird mit der PDS zwangsvereinigt.

Bitte: Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er mit jedem Schluck Kaffee an den propagandistischen Handschlag sehniger Arbeiterfäuste erinnert werden mag. Doch wollen die, die das komisch finden, wirklich den SED-Staat zurück? In der überwiegenden Zahl der Fälle ist der Kauf solcher Tassen nichts als eine ironische Geste, eine satirische Reminiszenz an Symbole, die den Schrecken verloren haben. Seht euch den Schrott an, sagt diese Geste, das sollte mal weltbewegend sein und ist nur noch Schnickschnack. Übrigens werden diese Tassen vermutlich in der Spülmaschine rasch ihren ideologischen Gehalt verlieren und wie alle anderen im Schrank landen. Und da können sie gern bleiben. (Seite 13)

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