Berlin : In der allerersten Reihe

Bei Galas wie der Goldenen Kamera ist die Sitzordnung der Stars eine sehr sensible Angelegenheit

Elisabeth Binder

An der Wand von Beate Wedekinds Büro hängt ein Sitzplan vom Konzerthaus am Gendarmenmarkt. 953 Plätze hat die Produzentin der Goldenen Kamera zu vergeben für die glamouröse deutsche Antwort auf den Oscar. Am Vortag der Verleihung erreicht die Zahl der Zusagen bereits 1246. Fast alle Gäste könnten mit Fug und Recht einen Sitzplatz in der ersten Reihe beanspruchen, von Dustin Hoffmann über Vicco von Bülow bis zu Elton John, von Arthur Cohn über Hugh Grant bis zu Salma Hayek. Nicht zu reden von den Würdenträgern, die das Protokoll nach vorne schiebt, Ministerpräsidenten etc. Für die Produzentin und ihr Team eine Herausforderung, jeden so zu platzieren, dass er mit den Nachbarn und der Aussicht zufrieden ist, dass er, falls ausgezeichnet, schnell auf die Bühne eilen kann, und dass gleichzeitig auch noch gute Fernsehbilder entstehen. Erst heute, vier Stunden, bevor die ersten Star-Pumps über den roten Teppich stöckeln, wird das Placement abgeschlossen. Die erste Reihe hat genau 35 Plätze.

Noch eine Woche vorher herrscht auf der Gästeliste heftige Bewegung. Während der morgendlichen Konferenz kommen von etwa 20 offensichtlich hochmotivierten Event-Experten unermüdlich Vorschläge für zusätzliche Überraschungslaudatoren, deren Anwesenheit den Preisträgern Freude bereiten könnte. Auch Probleme kommen auf den Tisch. Offenbar gibt es auch recht überzogene Vorstellungen davon, was ein Star alles verlangen darf, wie immer im Leben besonders gern bei jenen, von denen der Laie denken möchte, dass sie froh sind, dabei zu sein.

Die Verleihung der Goldenen Kamera besteht aus drei Teilen: dem Empfang, der eigentlichen Verleihung und der Party danach. Beate Wedekind glaubt an Bewegung: „Man kann es heute niemandem mehr zumuten, sowohl während der Show zwei Stunden lang, als auch bei der Party noch mal drei Stunden lang neben den gleichen Sitznachbarn festzuhängen.“ Also ist nach der Show Bewegung angezeigt. Flanieren, fliegende Büfetts, Stehtische. Nur die Ausgezeichneten bekommen feste Tische, wo sie mit ihren Angehörigen anstoßen können. Lange hält es erfahrungsgemäß aber auch die größten Stars nicht an den Tischen, dazu ist das Kommunikationsbedürfnis in der Show-Branche viel zu groß. Selbst Über-80-Jährige wie Artur Brauner hält es meist nicht auf dem Stuhl. Nicht einmal diejenigen, die am Ehrentisch sitzen, werden dort den ganzen Abend verbringen: Es sind dies unter anderem Ehrenpreisträger Vicco von Bülow, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Friede Springer (weil die auszeichnende „Hörzu“ zu ihrem Verlag gehört).

Bleibt das Problem mit der ersten Reihe.

Das ist ein Fest für die Preisträger, also werden sie konsequent über die ersten Reihen verteilt, und zwar so, dass sie in der Fernsehaufzeichnung gut zur Geltung kommen. Das bedeutet, dass die Nicht- oder Wenigergesichtsbekannten, egal, wie hoch ihre Verdienste sonst sein mögen, weiter hinten Platz nehmen. Die hinteren Reihen haben ihre Vorzüge. Man bekommt keine Spucke ab, und im Kino sind sie sowieso teurer.

Objektiv ist die erste Reihe im ersten Rang die beste. Trotzdem gibt es auch zu Beate Wedekinds Erstaunen immer wieder Stars, die sich dort nicht gut platziert fühlen. Scheuen sie das Treppensteigen? Nirgendwo hat man ein besseres Blickfeld als von dort. Zwei Kandidaten für die erste Reihe stehen jedenfalls schon früh fest: der Kronprinz von Belgien und seine schöne Frau Mathilde. Einerseits sind sie bekannt, andererseits auch nicht zu oft zu sehen und protokollarisch stimmt es sowieso: Idealbesetzung. Auch die Mitglieder der Academy, die die Preisträger auswählt, werden das Parkett bevölkern. Ihr gehören alle an, die jemals eine Goldene Kamera bekommen haben. Von 77 Mitgliedern haben diesmal 58 zugesagt. Normalerweise sagt die Hälfte der Geladenen ab, hier nur sieben Prozent. Mit Tricks muss auch immer gerechnet werden. Es soll bei Galas schon vorgekommen sein, dass ein Schauspieler mit einer unbekannten Begleitung zusagte, dann selber verhindert war, worauf die sowieso schon unbekannte Begleitung mit einem noch unbekannteren Begleiter zusagte. Beate Wedekind mit ihrer stressresistenten Freundlichkeit macht allerdings den Eindruck, als kriege sie diese Art von Problemen mit sachlichen, aber deutlichen Worten in den Griff.

Ansonsten werden die Stars kräftig verhätschelt. Viele kommen mit Privatjets, manche so groß, dass sie in Schönefeld landen müssen. Preisträger, die kein eigenes Flugzeug besitzen, werden schon mal mit der Concorde über den Ozean geflogen. Allein 60 Limousinen sind nach der Landung im Einsatz, um die standesgemäße Ankunft am roten Teppich zu sichern.

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