Berlin : In der City verschärfen sich soziale Probleme

Sigrid Kneist

Vor allem junge Familien und gut Verdienende kehren den Innenstadt-Bezirken den RückenSigrid Kneist

In den Problembezirken der Innenstadt werden sich die sozialen Spannungen weiter verschärfen. Denn gerade diese Bezirke sind von der Abwanderung wohlhabenderer Bewohner in weniger belastete Bezirke oder ins Umland betroffen. Dies geht aus dem Sozialstrukturatlas 1999 hervor, den Sozialsenatorin Gabriele Schöttler gestern vorlegte. Kreuzberg führt die Liste der Problembezirke an, gefolgt von Wedding, Tiergarten, Friedrichshain und Neukölln.

"Wir stehen vor großen sozialen Herausforderungen", hieß es in der Sozialverwaltung. Die günstigsten Daten weisen Zehlendorf, Wilmersdorf, Köpenick, Steglitz und Treptow auf. Die Reihenfolge deckt sich im Wesentlichen mit der Erhebung von 1997. Sozialsenatorin Gabriele Schöttler sagte gestern, dass die regionale Konzentration von wirtschaftlich und sozial benachteiligten Gruppen nicht nur für Berlin typisch sei, sondern für viele Großstädte, Metropolen und Ballungsräume gelte. Sie plädierte dafür, die Probleme "viel stärker in bezug zum lokalen Umfeld und den Stadtteilen" anzugehen. Der Senat habe die Probleme erkannt "und mit den Innenstadtkonferenzen, dem Aktionsprogramm Urbane Integration und vielen Einzelmaßnahmen Strategien entwickelt, um hier Lösungen zu finden. "Die beste Sozialpolitik ist aber eine vernünftige Wirtschaftspolitik, die Arbeitsplätze schafft", heißt es in der Sozialverwaltung. Die Veröffentlichung des letzten Sozialstrukturatlasses hatte 1997 große politische Diskussionen um die Zukunft der Innenstadtbezirke ausgelöst und zur Einführung des Quartiersmanagements in 15 der am meisten belasteten Stadtgebiete geführt.

Ausschlaggebend für den Sozialindex sind unter anderem die Höhe der Einkommen, die Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerquoten, der Bildungsgrad der Bevölkerung sowie die Lebenserwartung. Kreuzberg beispielsweise hat den höchsten Anteil an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern aufzuweisen, auch die Lebenserwartung ist dort am niedrigsten.

In den Jahren von 1994 bis 1998 hat den Daten zufolge jeder 15. Kreuzberger den Bezirk verlassen, vor allem gut Verdienende und junge Familien kehrten Kreuzberg den Rücken. Lediglich in der Gruppe der Ausländer überwog die Zahl der Zuzüge die der Abwanderung. Gleichwohl ist zu beobachten, dass auch besser verdienende Ausländer aus dem Kiez wegziehen. Eine ähnliche Entwicklung wie in Kreuzberg ist auch in den anderen Innenstadtbezirken zu beobachten. Die Sozialverwaltung sprach von einer Verfestigung der schlechten Sozialstruktur.

Im Einzelnen nennt der Sozialstrukturatlas als Quartiere mit der stärksten Belastung die Gegend um den Mariannplatz, Wiener Straße und Moritzplatz (Kreuzberg), die Karl-Marx-Straße, Schillerpromenade und Köllnische Heide. Am besten schneiden Wartenberg (Hohenschönhausen), Kladow (Spandau), Frohnau, Konradshöhe und Heiligensee (Reinickendorf) sowie Wannsee (Zehlendorf) ab.

Die Daten der Erhebung zeigen weiterhin, dass die östlichen Innenstadtbezirke Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain das höchste Niveau an Schul- und Ausbildungsabschlüssen aufweisen. Zugleich verzeichnen sie den höchsten Anteil an junger Bevölkerung. Insgesamt ist Bildungsniveau ohnehin im Ostteil der Stadt deutlich höher als im Westteil.

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