Berlin : In der Deutschen Oper tanzt das Ballett nun zur Musik vom Band

FREDERIK HANSSEN

In der Deutschen Oper tanzten die Darsteller der "Schneekönigin" am Donnerstag abend erstmals zur Musik von Tonband.Intendant Götz Friedrich war zuvor auf die Bühne getreten, um den Orchester-Ausfall zu erklären.Zu viele Musiker hätten sich krankgemeldet, sagte Friedrich.Obwohl sich vermutlich viele Zuschauer darüber ärgerten, für Eintrittspreise von bis zu 70 Mark Bandmusik hören zu müssen, ließen sich nur wenige ihr Geld an der Billettkasse wiedergeben.Kaum einer sei herausgegangen, sagte die Pressesprecherin der Deutschen Oper, Barbara Hering über diese Aufführung der beliebtesten Balletproduktion des Hauses.Kein Besucher habe sich beschwert.Die Vorführung sei trotz Tonbandmusik ein Erfolg gewesen - das Publikum habe begeistert Zwischenapplaus gespendet.Der hohe Krankenstand der Musiker hat offenbar nicht nur gesundheitliche Gründe.

Anlaß des Musikermangels ist ein Streit zwischen dem Orchester der Deutschen Oper und der Senatskulturverwaltung.Dabei geht es um die Bezahlung der Musiker.Diese fühlen sich gegenüber ihren Kollegen der Deutschen Staatsoper ungerecht behandelt, seit Senator Peter Radunskis den Generalintendanten der Deutschen Oper, Götz Friedrich, dazu verpflichtet hat, die sogenannte Medienpauschale des Orchesters zum 1.Januar 1999 zu kündigen.

Dabei handelt es sich um eine Summe von rund 800 Mark pro Musiker und Monat.Verärgerung war im Orchester aufgekommen, weil die Musiker der Staatsoper Unter den Linden eine Gehaltserhöhung von monatlich 400 Mark erhalten.Das hatte der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen dem Chefdirigenten Daniel Barenboim schon vor Jahren zugesagt.Die Musiker des Hauses an der Bismarckstraße haben darauf reagiert, indem sie nur noch Dienst nach Vorschrift leisten.

Dies muß allerdings auch bei einer erhöhten Zahl von Krankmeldungen nicht dazu führen, daß die Spielfähigkeit des Orchesters in Frage steht.Meist springen dann Musiker aus anderen Orchestern ein.Aus Solidarität mit dem Orchester der Deutschen Oper ist aber derzeit keiner der gewerkschaftlich straff organisierten Musiker in Deutschland dazu bereit, in der Bismarckstraße auszuhelfen.Dies ist ein wohl einmaliger Vorgang beim Kampf gegen Gehaltskürzungen in Kultureinrichtungen.An dem Gehaltsstreit ist auch die Wiederaufnahme der Oper "Salome" von Richard Strauss gescheitert, die für heute geplant war.

Dem Opernhaus gelang es zwar, für die "Salome" Ersatzvorstellungen auf die Beine zu stellen: Heute und am 26.Dezember steht Wagners "Fliegender Holländer" auf dem Spielplan; am 29.Dezember und am 3.Januar wird die dreißig Jahre alte Inszenierung von Puccinis "Tosca" gegeben.Doch im Hinblick auf die "Schneekönigin" stand Intendant Götz Friedrich am Donnerstag nachmittag vor der Wahl, die Vorstellung ganz abzusagen oder mit Musik vom Tonband stattfinden zu lassen.

Kulturstaatssekretär Lutz von Pufendorf zeigte sich gestern äußerst besorgt über die Situation an der Deutschen Oper."Die Deutsche Orchestervereinigung gefährdet mit ihrer Haltung eine ganzes Haus", sagte er mit Verweis auf die bundesweite Solidaritätsaktion der Orchester.Der Vorsitzende der DOV-Gewerkschaft, Rolf Dünnwald, forderte die Kulturpolitiker dazu auf, dem Kompromißvorschlag des Orchesters der Deutschen Oper zuzustimmen: Im Sommer hatten deren Musiker angeboten, auf zwei Drittel ihres Weihnachtsgeldes zu verzichten, wenn im Gegenzug die Medienpauschale nicht abgeschafft, sondern um 50 Prozent gesenkt werde.Begründet wird dieser Vorschlag damit, daß eine Medienpauschale unabdingbar sei, um bei der Anstellung neuer Musiker auf nationalem Niveau konkurrenzfähig zu bleiben.

Der SPD-Haushaltsexperte und Vorsitzende des Unterausschusses Theater im Abgeordnetenhaus, Klaus Wowereit, lehnt den Vorschlag ab.Bei dieser Lösung würden 900 000 Mark zu wenig an der Deutschen Oper gespart.Nur wenn das Haus diese Summe zusätzlich und freiwillig bei anderen Haushaltsposten spare, sei er bereit, dem Kompromiß zuzustimmen, sagte Wowereit.Gleichzeitig zeigte er sich verwundert darüber, daß Götz Friedrich keine Bereitschaft erkennen ließ, einen persönlichen Sparbeitrag zur Konsolidierung der Deutschen Oper zu leisten."Irgendwann muß sich ein Intendant auch die Frage stellen, ob er seinem Haus mehr nützt oder schadet", sagte der SPD-Politiker.

Monika Grütters, die als CDU-Abgeordnete im Kulturausschuß sitzt, nannte die Senkung der Gehälter der Deutschen Oper bei gleichzeitiger Anhebung des Salärs der Staatsopernmusiker "mißlich" für Kulturpolitiker: "Dadurch wird das Verhältnis der Häuser untereinander belastet." Sie plädierte dafür, möglichst bald einen Tarifvertrag für alle Orchester der Hauptstadt abzuschließen.Der Entwurf für einen derartigen Vertrag liegt der Kulturverwaltung seit Juni unterschriftsreif vor.Senator Radunski lehnt ihn jedoch als "unzureichend" ab - er will weitere Zugeständnisse der Gewerkschaft.

In dem Vertrag ist übrigens vorgesehen, daß Berliner Orchestermusiker gegenseitig zu kostenlosen Aushilfsdiensten im Rahmen ihrer Arbeitszeit herangezogen werden können.Wäre der Vertrag unterzeichnet worden, hätten die Besucher der "Schneekönigin" nicht auf Live-Begeleitung verzichten müssen.

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