Berlin : In der Hauptrolle: Ich

Bei Vitascope lassen Privatleute ihr eigenes Leben verfilmen – oder sich in Lieblingsfilme kopieren

Philipp Lichterbeck

Oma Elsbeth starb. Doch eine ganz andere Geschichte begann. Die Geschichte von Vitascope, einer jungen Berliner Filmproduktionsfirma, die sich darauf spezialisiert hat, Filmporträts von älteren Menschen herzustellen. Nicht Prominente stehen im Mittelpunkt der Dokumentarfilme, sondern einfache Leute mit ihren einfachen Geschichten. Menschen wie Oma Elsbeth. Mit einer Digitalkamera hatte der Filmstudent Joachim Mühleisen seine Großmutter in ihren letzten Lebenstagen begleitet. Der 33-Jährige beobachtete, wie sie still in ihrem Sessel saß und ihn mit neugierigen Blicken musterte. Das Sprechen bereitete ihr da schon Beschwerden. Mühleisen besuchte Verwandte und Nachbarn seiner Großmutter. Zuletzt ging er zu den Orten, die auf ihrem Lebensweg wichtig gewesen waren. Nach der Beerdigung schnitt Mühleisen das Bildmaterial zu einem Film, integrierte alte Fotos und die Lieblingsmusik der Großmutter. Er nannte ihn „Oma Elsbeths Aufbruch in die Ewigkeit“. Fast alle Angehörigen haben den sensiblen Film bei ihm bestellt.

Als Mühleisen seinem Freund Sascha Quednau, 34, das Material zeigte, war dieser berührt. Sie hatten zusammen an der Freien Universität Film studiert, jetzt schlug Quednau vor, eine Firma zu gründen. Sie nannten sie Vitascope und bezogen mit zwei Digitalkameras und drei Computern ein kleines Ladenlokal in Prenzlauer Berg. Im Fenster zur Straße stehen frische Blumen, dahinter sieht man die beiden Filmemacher an ihren Laptops sitzen. Sie schneiden einen Film über Rochus Misch, der die letzten Tage im Führerbunker miterlebte. Gerade sind sie bei einer Szene, in der Misch einen Vorgarten in Karlshorst umgräbt. Hier will er 1945 eine Kiste Wein vergraben haben, die ihm Hitler zum Geburtstag geschenkt hatte. „Soll ein Jahrhundertwein gewesen sein“, sagt Misch in die Kamera. Auf die Idee, die Kiste zu suchen, brachten ihn Quednau und Mühleisen. „Der Film über Misch ist eine Ausnahme“, sagt Quednau. „Unser Angebot richtet sich an jeden, man muss nicht Hitler die Hand geschüttelt haben. Letztlich ist auch die große Geschichte nur aus den vielen Mosaiksteinen persönlicher Lebenswege zusammengesetzt.“

Einer dieser Mosaiksteine ist das Leben Walter Kleins. Enthusiastisch schildert der Witwer sein Leben nach der Kriegsgefangenschaft. Die Präsenz der Kamera verwandelt den 85-Jährigen in einen begeisterten Erzähler. „Wenn du alt wirst und so zurückschaust, da ist das Altwerden doch was Schönes“, sagt er. Ein anderes Mal steht Klein am Grabstein seiner Frau Frieda und lacht, weil er zuversichtlich ist, sie im Tode wiederzusehen. Der Witwer ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die älteren Menschen öffnen, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt. Und manchmal sind selbst die Verwandten überrascht, weil sie Neues aus den Filmen erfahren. 30 bis 45 Minuten dauert ein Filmporträt, ist als DVD oder VHS-Video zu haben. 1000 Euro veranschlagen Quednau und Mühleisen dafür. Das sei zwar ein Dumpingpreis, meint Mühleisen, aber derzeit seien die Menschen nicht bereit, mehr Geld für Erinnerungen auszugeben.

Daher versuchen Quednau und Mühleisen sich ein zweites Standbein zu schaffen. Sie nennen es Bastard-Film: Jeder kann sich per Bluescreen oder Montagetechnik in seinen Lieblingsfilm hineinkopieren lassen, also beispielsweise an der Seite Steve McQueens im Mustang durch San Francisco jagen. Die Idee erwuchs aus einem Gag. Weil die Straße, in der das Büro von Vitascope liegt, aussieht wie die Straße aus der Schlussszene von Godards „Außer Atem“, montierten Mühleisen und Quednau sich in den Film hinein. Als sie den Kurzfilm auf einer Feier zeigten, wollte jeder in seinem Lieblingsfilm auftauchen. „Mit Bastard-Film schreiben wir die Filmgeschichte neu“, sagt Quednau und verzieht keine Miene.

Mehr zum Thema im Internet unter www.vitascope.de

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