Berlin : In der Krise muss es nicht immer Kaviar sein

Vor allem die kleinen Delikatessenläden bekommen zu spüren, dass den Berlinern das Geld nicht mehr so locker in der Tasche sitzt

Sebastian Esser

Eine Ziehharmonika spielt traurige Lieder, während die Massen an Kaviar-Baguettes, Petit Fours und Camembert aus der Normandie vorbeiziehen. Versonnen schauen die Verkäufer des Standes von „Lafayette“ auf der Grünen Woche den Kunden hinterher. „Eine Zeit lang sind sie gar nicht gekommen. Inzwischen geht es wieder“, sagt Hervé Clausier, der Standleiter. Wie alle Feinkostläden in Berlin hat Lafayette 2002 die große Krise des Gourmet-Essens gespürt. Erst seit einem Jahr gehe es langsam wieder bergauf, sagt Clausier, doch wann das alte Niveau erreicht ist, das weiß er nicht.

Ein Kaufhaus wie Lafayette ist groß genug, so etwas durchzustehen – andere nicht. Vor zehn Jahren eröffnete beispielsweise Benoît Romefort seinen Delikatessenladen „Grand Vignoble“ in der Joachim-Friedrich-Straße. Das Geschäft lief prächtig: Jede Woche verkaufte er 200 Kilo Käse, acht Meter Kühltheke waren gefüllt mit Edelpasteten, Rohmilchkäse, bestem Wein - doch dann war plötzlich Schluss. Zwei Dinge ließen den Gourmet-Markt in Berlin kollabieren, sagt Romefort: der Euro und der Winter. „Das war eine doppelte Klimakatastrophe für uns.“ Nicht nur die Temperaturen seien im Winter 2002 ungewöhnlich niedrig gewesen, auch die Stimmung der Kunden war frostig wie nie. Die Preise für Gemüse wie Salat und Tomaten schossen in den Himmel, weil die Ernte erfroren war. „Teuro“ wurde Wort des Jahres 2002, weil mit der neuen Währung alles teurer zu werden schien. Da blieben die Kunden weg.

Nach und nach entließ Romefort alle Mitarbeiter. Nach und nach wuchs der Schuldendruck. Nach und nach machten die kleinen Feinkostläden zu, die er belieferte. „Irgendwann war Schluss. Und das war dann schon wie eine Befreiung für mich“, sagt er. Auch Jens Wysocki stand Tag für Tag hinter seinem Tresen und wartete aber vergeblich auf die Kunden, als der Einbruch kam. „Manchmal konnte ich nur darüber lachen“, sagt er heute – doch damals tat es weh. Fünf Jahre lang gehörte Wysocki „Le Marais“, ein Delikatessengeschäft mit Wein und Spezialitäten in der Linienstraße in Mitte. Am Ende des Krisenjahres musste auch er dichtmachen.

Liegt es an Berlin? Hat die Stadt zu wenig Ess-Kultur? „Das ist auch eine Frage der Priorität: Wo schränke ich mich ein, wenn es knapp wird? In Deutschland ist es das Essen“, sagt Wysocki. „Qualität hat hier keinen so hohen Stellenwert wie etwa in Frankreich. Es gibt wirklich Menschen, die im Supermarkt Rotwein für 85 Cent kaufen.“ Jens Wysocki handelt inzwischen mit edlem Wein. Benoît Romefort ist angestellt, aber er plant bereits für die Zeit nach der Krise – kulinarische Ideen hat er schon. Doch von einem ist er überzeugt: „Der klassische Feinkostladen – das gelingt nicht mehr in Berlin.“

Auf der Grünen Woche steht nur ein paar Meter neben den Köstlichkeiten vom Lafayette der Stand von „Käse-Paul“. Hier verkaufen Männer mit schnellem Mundwerk, hanseatischem Akzent und getönten Brillen abgepackten Supermarkt-Käse – tütenweise, für zehn Euro. Eine kulinarische Krise? Davon hat man hier noch nichts gehört.

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