Berlin : In der Mitte ein neues Kapitel

Grundsteinlegung der Staatsbibliothek Unter den Linden. Berlins teuerste Baustelle kostet 460 Millionen

Matthias Oloew

Den größten Schwung hat die Dame in der Runde. Beim traditionellen Schlagen mit den Hämmern haut Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf als Einzige eine Kerbe in die Metallplatte des Grundsteins. Da schauen der Staatssekretär im Bundesbauministerium, Engelbert Lütke Daldrup, Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, ziemlich erstaunt. Als einzige Tageszeitung liegt eine Ausgabe des aktuellen Tagesspiegels im Grundstein.

Es ist eine Baustelle der Superlative. 320 Millionen Euro steckt der Bund in den von HG Merz entworfenen Glaskubus und in die neuen Lesesäle und Magazine für die rund drei Millionen Bücher und Medien, die Unter den Linden einmal lagern sollen. Die komplette Instandsetzung des knapp hundert Jahre alten Gesamtkomplexes von Ernst von Ihne wird den Bund 463 Millionen Euro kosten. Der neue zentrale Lesesaal soll Ende 2008 fertig sein, die Sanierung Ende 2011, zum 350-jährigen Jubiläum der Bibliothek, geschafft sein.

Einen „engagierten Terminplan“ nennt Engelbert Lütke Daldrup den Fahrplan für das Projekt, das angesichts des technischen und logistischen Aufwands beeindruckt. Um Platz für die Bauarbeiten innerhalb des historischen Baus zu haben, mussten in jahrelanger Kleinarbeit die Magazintürme, die zu DDR-Zeiten in das Haus implantiert worden waren, wieder abgerissen werden. Der 60 mal 57 Meter große Neubau, dessen Hülle aus dreierlei Glasschichten besteht, ist „so noch nicht gebaut worden ist“, wie Architekt HG Merz betont.

Für die größte deutsche wissenschaftliche Universalbibliothek sei der Aufwand angemessen, findet Bernd Neumann und wischt Fragen, ob man im Zeitalter des Internets noch Lesesäle brauche, beiseite: „Niemand, der Bücher liebt und mit Büchern arbeitet, der beim Blättern darin Lesespuren anderer Nutzer entdeckt, kann sich vorstellen, dass ein Buch durch Computerausdrucke zu ersetzen ist.“

Einen etwas anderen Appell an das ästhetische Empfinden richtet der Architekt an die Feiergemeinde. HG Merz plädiert dafür, dass die notwendigen technischen Aufbauten auf dem Dach der Staatsbibliothek unter Verkleidungen verschwinden, damit der Neubau im „Konzert der Kuppeln“ zwischen Reichstag und Hedwigskathedrale nicht sein Gesicht verliere. Das würde einige hunderttausend Euro mehr kosten. Geld, sagt Merz, das sich anderswo einsparen ließe. Ansonsten freut sich der Architekt über die Staatsbibliothek als „neuen Patienten in unserer Schönheitsfarm“. Sein Büro steuerte bereits die Sanierung der Alten Nationalgalerie, den Umbau des Staatsratsgebäudes zur Managementschule ESMT und den Umbau der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.

Die Staatsbibliothek Unter den Linden ist die derzeit größte und teuerste Baustelle der öffentlichen Hand in Deutschland. Aufwändiger werden in Berlin in naher Zukunft nur die Instandsetzung des Pergamonmuseums und der Neubau für den Bundesnachrichtendienst. Mit dem Lesesaal erhält die Bibliothek ihr Herz zurück. Der Vorgänger, ein 37 Meter hoher Kuppelbau, war im Zweiten Weltkrieg beschädigt und 1975 gesprengt worden. An seine Stelle traten Magazintürme, die zwar zweckmäßig waren, aber den Bau zum Bücherlabyrinth machten.

Das soll mit dem neuen Lesesaal anders werden. An den 390 Arbeitsplätzen sollen die Nutzer künftig nicht länger als 30 Minuten auf ein Buch aus den Magazinen warten. Wenn sie nicht ohnehin mit dem auskommen, was der Freihandbereich hergibt. Dort ist Platz für knapp 400 000 Bücher – mehr als je zuvor.

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