Berlin : In der Not schotten sie sich ab

Vernachlässigte Kinder halten zu ihren Eltern. Zahl der Fälle nimmt zu

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Seit Sommer vergangenen Jahres lebten die vier Kinder ohne Aufsicht in einer Wohnung – und keiner meldete es. Ein Einzelfall ist das nicht. Doch Experten glauben: Oft ließe sich das verhindern.

Allerdings müssen dabei auch Widerstände überwunden werden: Denn Eltern und Kinder bitten selten um Hilfe, und sie schotten sich ab und verhindern Besuche von Ämtern oder Freunden in der eigenen Wohnung. Ihre Kinder reagieren auch nicht mit Kritik auf die Notlage ihrer Eltern, sondern sind ihnen gegenüber „loyal, um das innere Bild guter Eltern aufrechtzuerhalten“, so der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Vivantes-Klinikum Berlin, Oliver Bilke. Dafür zahlen viele mit körperlichen Mangelerscheinungen und seelischen Schäden.

„Am Ende unserer Ermittlungen stellen wir meistens fest: Bei der Kita, in der Schule, beim Kinderarzt und Verwandten, fast überall hatte man etwas geahnt oder bemerkt“, sagt Gina Graichen, zuständige Kommissariatsleiterin für Fälle von „Verletzung der Fürsorge oder Erziehungspflicht“. Doch gemeldet würden diese Beobachtungen oft erst, „wenn alles zu spät ist“. In dem nun bekannt gewordenen Fall hätten nach Überzeugung der Kripo auch Nachbarn alarmiert sein müssen: Aus der Wohnung strömten starke Gerüche und die Insekten, die sich in den verschmutzten Räumen stark vermehrten, drangen in Nachbarwohnungen. Beim Kindernotdienst, dessen Telefone Tag und Nacht geschaltet sind, teilt man diese Einschätzung. Zumal die „Risikofaktoren“ bekannt sind, die statistisch häufiger zu einer Verletzung der Fürsorgepflicht führen können: Alkohol- oder Drogensucht, materielle Notlagen, psychische Krisen, ein isoliertes Leben, Erwerbslosigkeit und Gewalt in der Partnerschaft. „In diesen Fällen müssten die Mitarbeiter der Jugendämter Betroffene in ihren Haushalten besuchen, doch diese Zeit haben sie meistens nicht“, sagt Beate Köhn vom Kindernotdienst. Sparmaßnahmen in den Sozialetats der Bezirke, nicht besetzte Stellen, das verhindere diese „vorbeugende Fürsorge“.

Dass die Verwahrlosung in Haushalten ernst zu nehmen ist, zeigt die Verdoppelung der bekannt gewordenen Vernachlässigungsfälle von 255 im Jahr 2004 auf 582 in 2006. Deshalb beschloss der Senat im Februar ein neues Netzwerk zur frühzeitigen Prävention einzurichten: Jugendämter, Schulen, Gerichte, Polizei und Ärzte sollen enger zusammenarbeiten, „damit künftig kein Signal einer möglichen Verwahrlosung mehr übersehen wird“, so Bärbel Schubert, Sprecherin der Jugendverwaltung.ball

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