In der TAT : Gänsehaut in der Nacht

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In Kreuzberger Szeneläden klirren die Gläser, an der Ampel stoppen Geländewagen. Der Kältebus der Stadtmission hält vor der Notübernachtung in der Johanniterstraße. Ein Mann torkelt in Schräglage heran und stolpert die Treppe hinauf. Dort stehe ich, einem nächtlichen Impuls folgend, mit einer Spendentüte voller Schuhe. Hinter der Glastür, die sich von außen nicht öffnen lässt, ist Betrieb.

Drinnen liegen ausgebeulte Schlafsäcke auf dem Boden. Menschen, denen man ansieht, warum sie hier sind, huschen mit einem Teller Suppe an der Scheibe vorbei. Helfer mit Namensschildchen nicken uns beiden draußen in der Nacht zu: Einen Moment noch, wir lassen gleich wieder ein. Der Mann neben mir steht jetzt kerzengerade. Die junge Helferin drinnen zieht sich Hygienehandschuhe über, öffnet die Tür und sagt freundlich: „Einer, bitte.“ Aber ich möchte nur die Schuhe spenden, und der Mann, der wolle doch sicher hinein. Da entschuldigt sich die Frau freundlich auch fürs Warten, nimmt die Tüte entgegen und streckt die Hand zum Dank aus: „Die Handschuhe sind frisch.“ Ob ich hineinkommen wolle, einen Kaffee trinken, mich umschauen? Danke, aber im Auto wird die Pizza kalt, und ich war schon mal hier – dienstlich.

Das wendet sich die Ehrenamtliche dem geduldig Wartenden zu. „Na, Chico, wie geht es?“, fragt sie ihn, mit dem liebevollsten Lächeln der Welt – und legt ihm den Arm um die Schulter. „Komm rein.“ Das war einer der herzlichsten Momente, den ich ich seit langem im angeblich so rauen Kreuzberg erlebt habe.

So verursachte die Kältehilfe kurz vor Saisonende noch eine Gänsehaut.

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