In der TAT : Nicht im Regen stehen gelassen

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Kolumne "In der Tat" - über Gesellschaft und Engagement
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Es ist so einfach, sich richtig nützlich zu machen im Leben. Man muss eigentlich nur mit offenen Augen unterwegs sein, um Chancen zu erkennen, wie man mit wenig Aufwand einem anderen Menschen das Leben mal ganz kurz erheblich einfacher machen kann. Eine Leserin, die im Rollstuhl unterwegs ist, schrieb uns von einem unerwarteten Ereignis, das sie sehr berührt hat.

Auf dem Rückweg von ihrer Schwimmtherapie musste sie am Botanischen Garten umsteigen und vom 101er Bus in den X83er wechseln. Dabei gilt es, eine Kreuzung zu überqueren. Als sie aus dem 101er ausstieg, fing es gerade an zu regnen. Das ist ganz schlecht für einen elektrischen Rollstuhl. Also stellte sie sich in das Wartehäuschen und ärgerte sich über das sprunghafte Berliner Wetter. Wer im Rollstuhl sitzt, kann sich schwerer vor Nässe schützen als Fußgänger oder Radfahrer. Außerdem war sie müde von der Therapie, hatte riesigen Hunger und wollte nur noch nach Hause. Rettung nahte in Gestalt eines jungen Mannes.

„Wie aus dem Nichts“ sei er mit aufgespanntem Regenschirm auf sie zugelaufen gekommen: „Ohne dass ich ihn ansprach, beziehungsweise er mich, schien er zu wissen, was ich vorhatte.“ Während sie über die Kreuzung fuhr, lief er stumm, den Regenschirm über den Rollstuhl haltend, neben ihr her. An der Haltestelle des X83er wartete er, bis der Bus kam und begleitete die Leserin noch hinein. Als sie sich umsah, war er wieder verschwunden. Nicht nur die Hilfe selbst, auch das blinde Verstehen ohne Worte in Zeiten des Kommunikationswahns hat die Frau so berührt, dass sie immer wieder zurückdenken muss an die Begegnung mit dem unbekannten Helfer.

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