In der Urania : Sarrazin kommt auf Touren - und attackiert Merkel

Die Polizei sicherte das Gebäude, doch bei Thilo Sarrazins Auftritt in der Urania wurde friedlich, wenn auch emotional diskutiert. Der Buchautor und Ex-Banker nutzte den Abend auch für eine Attacke auf Kanzlerin Angela Merkel.

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Unter Beobachtung: Thilo Sarrazin, gut bewacht bei seinem Podiumsauftritt in der Urania in Berlin. Foto: dapd
Unter Beobachtung: Thilo Sarrazin, gut bewacht bei seinem Podiumsauftritt in der Urania in Berlin.Foto: dapd

Jetzt ist er auf Tournee. Thilo Sarrazin, befreit von der Bürde seines Bundesbankpostens, darf nun ganz  Buchautor sein. Am Freitagabend genoss er die neue Rolle in der der Berliner  „Urania“, einem Veranstaltungshaus mit Volkshochschulcharakter. Eingeladen in  die Urania hatte die Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik. Umstellt von Mannschaftswagen der Polizei war der Bau schwer gesichert, die Eskalation jedoch blieb aus. Tosend war allein der Applaus im vollen Saal, als der Autor das  Podium betrat. Etwa die Hälfte des Publikums erhob sich. Mindestens so stark der  Beifall für die erste Pointe. Von Moderator Christhard Läpple gefragt, warum er  den Posten geräumt habe, griff Sarrazin unter anderem die Bundeskanzlerin an.

Es sei doch bemerkenswert, dass eine Kanzlerin ein Buch als „nicht hilfreich“ empfinde. „Kurt Westergaards Zeichnungen waren sicher auch nicht hilfreich“, aber die Ehrung des Karikaturisten mache ihr kein Problem. Kaum zu bremsender Applaus folgte. „Erkennbar rechtswidrig“ sei das Abberufungsverfahren  gegen ihn gewesen, erläuterte Sarrazin weiter: „Ich glaube nicht, dass mich der  Bundespräsident je entlassen hätte.“

Sarrazins Sprüche
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07.02.2012 08:19"Wenn die Energiekosten so hoch wären wie die Miete, würden sich die Leute überlegen, ob sie nicht mit dicken Pullovern bei 15, 16...

Wer die begehrte Einlasskarte ergattert hatte, war gekommen, um Zustimmung zu demonstrieren. „Ich will mal  selber einen Eindruck von ihm bekommen“, erklärt eine 51jährige Werbefachfrau im  Foyer. „Mich stört die Einheitsfront, die sich gegen ihn gebildet hat“, sagt ein 34jähriger Fernmeldetechniker. Von dieser Front war an dem Abend im Publikum  wenig zu spüren. Nur auf dem Podium regte sich Protest.  Dort sollten der umtriebige Kulturjournalist Matthias Matussek, der Autor und Darwin-Experte Jürgen Neffe sowie der aus dem Iran stammende Regisseur Ali Samadi Ahadi mit  Sarrazin „über Alternativen der Migrationspolitik und über die Diskussionskultur  in Deutschland“ sprechen.

Vorgesehen war ursprünglich die Teilnahme des Fernsehproduzenten Walid Nakschbandi. Dem ging das Bedauern über die „öffentliche Hinrichtung“ Sarrazins  in Talkshows zu weit, das einer der Veranstalter geäußert hatte. Er sagte kurzfristig ab. Offen gesprochen werden sollte hier, mahnte der Leiter der Urania an. „Argumente statt Transparente“ sei das Motto seines Hauses. Vor den Argumenten kamen Emotionen zur Sprache. Seit drei Wochen erkenne er sein  Deutschland nicht mehr wieder, klagte Ali Samadi Ahadi, er werde auf der Straße anders angesehen: „Ich fürchte um die Unversehrtheit meiner Familie!“ Empörtes  Raunen aus dem Saal.

Matussek erinnerte den Regisseur und Flüchtling daran, dass man in Deutschland, anders als im Iran, immerhin ungestraft öffentlich debattieren  dürfe. Erneut tobender Beifall. Noch mehr Applaus, als Sarrazin dem 1975 Geborenen entgegenhielt, dass deutsche Kinder,  auf vielen Schulhöfen die Minderheit, mit Verbalattacken von türkischen und arabischen Mitschülern leben müssten. Offenbar traf das im Kern die Stimmung des Publikums am meisten. Wenig Interesse hatte das Publikum für Jürgen Neffe, der dem Ex-Senator nachwies, von Vererbungslehre weniger Ahnung zu haben als ein Abiturient. Vollends hingerissen war man im Saal von der Frage des Moderators, ob vielleicht mit den Medien im Land etwas nicht stimmt. Da brach beinahe Jubel aus.

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