Berlin : In diesem Jahr findet die Revolution nur in Kreuzberg statt

CAY DOBBERKE

BERLIN .Die "Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration" führt in diesem Jahr ausschließlich durch Kreuzberg und richtet sich vor allem gegen den NATO-Einsatz in Jugoslawien.Außerdem solidarisiere man sich mit dem "Befreiungskampf des kurdischen Volkes", sagte gestern ein Mitorganisator von der "Antifaschistischen Aktion Berlin", der mit bis zu 15 000 Teilnehmern rechnet.Zusammen mit Vertretern weiterer antifaschistischer Gruppierungen erklärte der Sprecher, man rufe nicht zu Gewalt auf.Sollte die Polizei die Demonstranten jedoch "provozieren", seien Auseinandersetzungen zu erwarten.

Für die Veranstalter ist die Schuldfrage bei Mai-Krawallen, wie es sie im Vorjahr in Prenzlauer Berg gegeben hatte, klar: Ein polizeilicher "Überfall auf den kurdischen Block" und die Beschlagnahme des Haupttransparents hätten die Ausschreitungen ausgelöst.Diesmal müsse "die Polizei entscheiden, ob sie die Eskalation im Vorfeld vorantreibt" - etwa durch Straßenkontrollen, Absperrungen von U-Bahnhöfen oder die Beschlagnahme von Bildern des inhaftierten PKK-Führers Öcalan.Die von Innensenator Eckart Werthebach (CDU) geäußerte Sorge vor Krawallen heize die Stimmung schon jetzt auf: "Wer Gewalt herbeiredet und -phantasiert, muß sich nicht wundern, wenn es dazu kommt."

Die Kundgebung soll am Sonnabend um 18 Uhr auf dem Oranienplatz beginnen und zum Hohenstaufenplatz führen.Weil man die Mai-Demonstration allein in Kreuzberg ausrichte und damit "zu den Wurzeln" zurückkehre, sei mit bis zu 15 000 Teilnehmern zu rechnen, sagten die fünf Organisatoren, die nur ihre Vornamen nannten und ihre Augen hinter Sonnenbrillen verbargen.

Zu einer weiteren Kundgebung, die schon um 13 Uhr auf dem Oranienplatz beginnen und zum Kottbusser Tor führen soll, nahmen die antifaschistischen Gruppen keine Stellung."Daran sind wir nicht beteiligt." Plakate und Erkenntnisse der Polizei lassen darauf schließen, daß diese zweite Demonstration von Türken oder Kurden organisiert wird.Als Redner werden unter anderem Vertreter von Kurdengruppen angekündigt.

Auf dem Mariannenplatz gibt es von 14 bis 21 Uhr das traditionelle Maifest.Zu den Veranstaltern gehören die Kreisverbände von PDS und Bündnis 90 / Grünen sowie 60 Stadtteilinitiativen.Das Fest unter dem Motto "Stoppt den Krieg" ist nicht als Kundgebung angemeldet.Reden wollen Bezirksbürgermeister Franz Schulz (B90 / Grüne) und PDS-Landeschefin Petra Pau.

Offene Kneipen am Kollwitzplatz

Seit Jahren könnte es erstmals ruhig bleiben in Prenzlauer Berg

PRENZLAUER BERG (oew).Zum ersten Mal seit Jahren deutet sich in Prenzlauer Berg ein ruhiger 1.Mai an.Nach wie vor ist keine Demonstration angemeldet, und die Wirte am Kollwitzplatz, die im vergangenen Jahr ihre Zapfhähne geschlossen ließen, wollen diesmal ihre Kneipen öffnen.Für die Walpurgisnacht, dem Straßenfest auf dem Kollwitzplatz in der Nacht zum 1.Mai, finden offiziell keine Vorbereitungen statt.Das hatte in der Vergangenheit Ausschreitungen zwischen Polizei und Randalierern nicht verhindern können.Vorgesehen ist wieder ein Fest auf dem Humannplatz, das zum fünften Mal von Sympathisanten der PDS organisiert wird.

Die Ausschreitungen zum 1.Mai hatten sich in den letzten Jahren verstärkt auf Prenzlauer Berg konzentriert.Die Randale entstand im Umfeld zum Fest der Walpurgisnacht.1996 versuchten Bezirk und engagierte Nachbarn, das Fest erstmals zu organisieren, um mit eigenen Sicherheitskräften und einer Partnerschaft mit der Polizei Krawalle zu verhindern.Der Versuch scheiterte kläglich.Seither will niemand mehr für die Walpurgisnacht geradestehen.Im Jahr darauf erklärte die Polizei den Platz kurzerhand zum Sperrbezirk, was aber ebensowenig Randale verhindert hat wie im vergangenen Jahr.

Die Kollwitzplatz-Wirte, die sich mit den Nachbarn in einer Interessengemeinschaft zusammengefunden haben, glauben, die zum Ritual gewordenen Ausschreitungen wurden importiert.

Bange Gedanken bei den Grünen

Kreuzberger Händler geben sich gelassen / Gitter vor die Fenster

BERLIN (CD).Den Kreuzberger Bündnisgrünen ist nicht wohl in ihrer Haut: Erst vor wenigen Tagen entschlossen sie sich, als Mitveranstalter des Maifestes auf dem Mariannenplatz aufzutreten.Einige der Plakate, auf denen als einzige Partei die PDS als Ausrichter genannt war, wurden jetzt noch rasch durch Grünen-Aufkleber ergänzt.Durch die Mitwirkung der Grünen am deutschen Kriegseinsatz in Jugoslawien "sind wir angreifbar geworden", begründet Rüdiger Brandt aus dem kleinen Parteibüro an der Adalbertstraße das Zögern.

Deutlich gelassener geben sich Händler entlang der Demonstrationsstrecken.Gleich zwei Kundgebungen sollen unter anderem durch die Oranienstraße führen."Am 1.Mai haben wir ja sowieso geschlossen", sagt Axel Wirth, der Inhaber eines dortigen Farbengeschäfts.Er werde seinen Laden wie üblich mit Gittern verriegeln, zusätzlich allerdings auch etwas Pappe vor den Fenstern anbringen.Vor ein paar Jahren seien die Fenster einmal zerstört worden, die Pappe habe sich danach aber als ausreichender Schutz erwiesen.

Ein Händler-Ehepaar in einem türkischen Musikgeschäft an der Oranienstraße hat ebenso wenig Angst vor Sachschäden und "nichts von Gewaltaufrufen gehört".Auch in einer Bar und in einem Modeladen ist den Mitarbeitern nichts von Mobilisierungs-Aktionen linker Gruppen bekannt.Junge Leute, die die zahlreichen Plakate anbrachten, hätten in den Geschäften sogar höflich um Erlaubnis gefragt.In einem Café finden vier junge türkische Lokalgäste, daß "hier in den letzten Jahren doch wenig los war".Sie unterstützen die türkische Regierung und wollen den Kundgebungen fernbleiben, um nicht auf PKK-Anhänger zu stoßen.Letztere würden wegen der drohenden Todesstrafe für den PKK-Chef Öcalan wohl aggressiv gestimmt sein, meinen die jungen Türken.

Die zahlreichen Plakate und Aufkleber lassen teilweise auf Gewaltbereitschaft schließen."Fight the Police", lautet ein Slogan."Weg mit dem PKK-Verbot!" fordert ein Plakat der "Kommunistischen und Autonomen Gruppen" mit einem Porträtbild Öcalans.Die gleichen Gruppierungen rufen auch mit der Parole: "Nato angreifen, deutsche Bomber raus aus Jugoslawien" zu den Demonstrationen auf.Das größte Transparent hängt an Hausfassaden über der Oranienstraße; es fordert den Kampf gegen "Ausbeutung und Unterdrückung", enthält aber keinen Gewaltaufruf.

In der neuesten Ausgabe der linken Zeitschrift "Interim" steht derweil eine Liste von mehr als 200 angeblichen Zivilfahrzeugen der Polizei und des Staatsschutzes.Die Tabelle enthält die Autokennzeichen sowie Wagenbeschreibungen, die zugehörige Polizeieinheit und Bewertungen der Wahrscheinlichkeit, daß es sich tatsächlich um einen Dienstwagen handelt ("100% " oder "unsicher").Neben einem Logo der "Antifaschistischen Aktion" steht das Motto "Zusammen kämpfen - gegen Bullen & Ziviterror!"

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