Berlin : In diesem Jahr ist zwischen den Anbietern ein regelrechter Preiskrieg entbrannt

Thomas Loy

Nach Telefon und Strom hat es jetzt den Weihnachtsbaum erwischt: Globalisierung, Öffnung der Märkte, Preiskampf. Stefan Tiegs (28) aus dem Berliner Vorort Buckow, an elf Monaten im Jahr Obsthändler, ist der Youngster der Branche, der Marktrevoluzzer. Die Nordmanntanne, der Mercedes unter den Weihnachtsbäumen, wirft er unter großem Werbegetöse zum Einheitspreis von 19,99 Mark unters Volk. Egal wie groß, egal wie schön. Normalerweise gehen die edlen Gewächse - je nach Größe und Form - für 50 bis 250 Mark über den Ladentisch. Die Branche tobt. Tiegs erhält Drohungen und hat sich inzwischen einen Bodyguard für 1000 Mark am Tag zugelegt. "Bis jetzt ist noch nichts passiert. Nur ein paar Diebstähle", erzählt er am Mobiltelefon. Gerade lässt er sich zum Flughafen chauffieren, um auf seinen Weihnachtsbaum-Farmen in Dänemark nach dem Rechten zu sehen.

Tiegs hat aus dem bescheidenen Weihnachtsbaum-Verkauf am Straßenrand Big Business gemacht. Warum noch niemand vor ihm auf diese Idee gekommen ist, weiß er auch nicht. Statt den Zwischenhändlern Gewinnspannen zu überlassen, macht er lieber alles selber. Mehrere hundert Hektar Plantagenland hat er auf den dänischen Inseln und Jütland gepachtet und pflanzt seit Jahren Weihnachtsbäume an. In diesem Jahr will er in Berlin 100 000 Nordmanntannen losschlagen. "Das rechnet sich. Auf jeder Tanne liegen etwa drei Mark Gewinn. Normalerweise werden 40 bis 60 Mark draufgeschlagen."

"Theoretisch ist das möglich", gesteht Peter Bartos vom gleichnamigen Gartencenter in Marienfelde zu, für den normalen Händler aber völlig unrealistisch. "20 Mark liegen unter meinem Einkaufspreis beim Großhändler. Vier Meter große Nordmanntannen kosten sogar 200 Mark." Dieser Preisangriff sei schon ärgerlich. "Seit zehn Jahren ist der Preis für Nordmanntannen stabil." Aldi habe im vergangenen Jahr mal 2000 Bäume verbilligt auf den Markt geworfen. Das sei noch zu verschmerzen gewesen, aber 100 000, "das tut weh". Bartos hat schon viele Straßenhändler kennen gelernt, die zu Weihnachten spontan eine schnelle Mark machen wollten. "Oft gehen die Leute baden, weil sie nicht kalkulieren konnten." Bisher kam aber auch noch niemand auf die Idee, selbst Bäume anzupflanzen. Sonst hält sich die Branche eher bedeckt. Mit solchen "Machenschaften" wolle man nichts zu tun haben. Das sei "unseriös". Im Weihnachtsbaumgeschäft ließen sich in wenigen Tagen Millionenumsätze machen. Viele Leute könnten diesem Reiz nicht widerstehen. Um billig an die Ware zu kommen, würden nachts schon mal Lagerplätze der Konkurrenz ausgeräumt. Sogar von "mafiösen Strukturen" ist die Rede. Nichts Genaues weiß man nicht, nur mit der "Beschaulichkeit des Weihnachtsfestes hat das nichts mehr zu tun."

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