Berlin : In elf Jahren zum Abitur

Neue Aufgabe für die Schnellläuferklassen: Sie sollen zum Angebot für Hochbegabte ausgebaut werden

Susanne Vieth-Entus

Hochbegabte Kinder sollen künftig schon in elf Jahren das Abitur ablegen können. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) will die Schnellläuferzüge, die mit Klasse fünf im Gymnasium beginnen und die achte Klasse überspringen, beibehalten und in sein neues Konzept zur Hochbegabtenförderung einbauen. Monatelang war unklar, was aus den Schnellläuferzügen wird. Denn ihre Besonderheit – das Abitur nach zwölf Jahren – wird es künftig infolge des neuen Schulgesetzes als Regelangebot geben.

Dennoch kann sich Böger nicht zu einer Abschaffung der „Schnellläufer“ durchringen, weil sich das Angebot großer Beliebtheit erfreut. Nun will der Senator offenbar drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Indem er die Schnellläuferzüge beibehält, hat er die 13 Gymnasien auf seiner Seite, die sich gern mit den schnellen Schülern schmücken. Er tut etwas für Familien, die ihre Kinder nach Klasse vier aus der Grundschule herausholen wollen. Und er kommt all jenen entgegen, die besondere Angebote für Hochbegabte fordern.

Jutta Billhardt vom Verein für Hochbegabtenförderung lobt denn auch Bögers Pläne. Sie will seit langem Spezialklassen für Kinder, die einen Intelligenzquotienten von über 130 haben. Diese Voraussetzung erfüllen im Schnitt zwei Prozent der Bevölkerung, was in Berlin pro Jahrgang rund 560 Kindern entspricht. Weitere rund 1800 Kinder haben einen IQ von 120 bis 130.

Ende Februar will Böger sein komplettes Konzept zur Hochbegabtenförderung vorstellen. Basis ist, dass nachmittags anspruchsvoller Zusatzunterricht stattfindet. Weitere Vorschläge: Einrichtung von jahrgangsübergreifenden Zügen in Grund- und Oberschulen, Sommerakademien, Teilnahme an Hochschulveranstaltungen und eine verstärkte Kooperation mit Kinderärzten, um Hochbegabung frühzeitig zu erkennen.

Ob es Hochbegabten nutzt, in Spezialklassen zusammengefasst zu werden, ist unter Fachleuten umstritten. Anders als Jutta Billhardt rät etwa Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen davon ab. „Es ist besser, die Kinder zusammenzulassen“, sagt der FU-Präsident. Voraussetzung sei aber, dass ihnen unterschiedlich anspruchsvolle Aufgaben gestellt würden. Auch der Marburger Entwicklungspsychologe Detlef Rost, der eine Beratungsstelle für Hochbegabte leitet, hält es nicht für gut, diese Schüler zu „isolieren“. Allerdings weist er darauf hin, dass deutsche Gymnasiallehrer nicht gelernt hätten, Hochbegabte individuell zu unterrichten, weil Elitenförderung zu lange ein „Unwort“ gewesen sei. Nun aber hält es inzwischen selbst die lange Zeit skeptische SPD-Fraktion für eine „gute Idee“, die Schnellläuferklassen in das Konzept der Hochbegabtenförderung aufzunehmen, so ihre bildungspolitische Sprecherin Felicitas Tesch.

Böger muss nun entscheiden, wie er die knappen Kapazitäten – 750 Plätze in 26 Klassen – vergibt: ob er sie nur den Hochbegabten anbietet oder allen gut begabten Schülern. Für letzteres plädiert Hinrich Lühmann vom Reinickendorfer Humboldt-Gymnasium. „Wir haben die besten Erfahrungen gemacht, wenn die Hochbegabten in der Gruppe der gut Begabten mitschwimmen“, berichtet er aus seinen Schnellläuferklassen. Damit die wenigen Plätze aber den richtigen Schülern zugute kämen, müsse man endlich Eignungstests einführen. Bislang werden sie per Losverfahren vergeben. Lühmann hat für seine zwei Klassen, die im Sommer beginnen, bereits 200 Anmeldungen.

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