Berlin : In Englisch sind die Schüler Schlusslicht

Experten suchen nach Ursachen für Leistungsmängel der Brandenburger Kinder

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Potsdam - Brandenburg war schon einmal Schlusslicht, bei der Pisa-Studie 2001. Nachdem jetzt märkische Schüler trotz zehnjähriger Reformen im Bildungssystem beim jüngsten bundesweiten Leistungsvergleich in den Fächern Englisch und Deutsch wieder miserabel abschnitten, beginnen die Schuldzuweisungen, wird fieberhaft nach Ursachen und Auswegen gesucht.

In dieser Situation meldet sich Jan Hofmann, Chef des Berlin-brandenburgischen Landesinstituts für Schule und Medien (Lisum) mit einem ungewöhnlichen Plädoyer zu Wort: „Was wir jetzt brauchen, ist eine offene, selbstkritische Analyse und Debatte. Jeder, der Verantwortung im System trägt, sollte bei sich, an seinem Platz beginnen.“ Dabei macht der Lisum-Chef, einer der besten Kenner des märkischen Schulsystems und als hochrangiger Beamter selbst direkt Verantwortungsträger, aus seiner eigenen Ernüchterung über den Rückschlag kein Hehl. „Es ist offensichtlich so, dass die Kluft zwischen dem Intendierten und dem, was am Ende herauskommt, zu groß ist“, sagt Hofmann.

Er schließt das Lisum mit ein, das für die Lehrpläne in Berlin und Brandenburg, aber auch für die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zuständig ist. „Wir entwickeln gute Unterrichtsmaterialien, auf dem neuesten Stand, sie werden bundesweit gelobt“, resümiert er. Aber man müsse es „besser hinbekommen“, dass sie auch eingesetzt, von den Lehrern angenommen werden. Und das System der Aus- und Fortbildung der Lehrerschaft hat im Land Brandenburg erkennbare Schwächen. So bilde das Lisum zwar Fachberater für jedes Fach aus, Multiplikatoren, „Profi-Trainer“ für die Lehrer, doch es seien beispielsweise im Fach Deutsch „ein Dutzend“ – für 5000 Lehrer im Land. Die Wirkung in die Tiefe, in jede Schule, werde so offenkundig nicht erreicht.

Wie in Berlin hat auch in Brandenburg die jüngste Bildungsstudie Wirbel ausgelöst. In den Fächern Deutsch und Englisch hatten die märkischen Neuntklässler in allen Kategorien hinterste Plätze belegt. Beim verstehenden Hören in Englisch kam das Land sogar auf den letzten Platz, obwohl es anders als Berlin oder Bremen in der Bevölkerung kaum Migrantenfamilien gibt. In einer ersten Reaktion hat Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) Konsequenzen angekündigt, vor allem „mehr Verbindlichkeit“ für den Unterricht, etwa ein vorgegebenes Maß an Rechtschreibtests. „In Bayern gibt es einen festen Konsens über das Basiswissen, das Minimum, das jeder Schüler lernen muss – das brauchen wir auch“, erläutert Bildungsstaatssekretär Burkhard Jungkamp. Denkbar sei etwa, dass lockere, gut geschriebene Jugendbücher in den 3. und 4. Klassen als verbindliche Lektüre vorgegeben werden.

Für Kritiker reicht das nicht. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), aber auch die Linken – bis 2009 in der Opposition, jetzt in der Regierung – sehen das Hauptdefizit in der immer noch vernachlässigten individuellen Förderung. Nicht ständige Überprüfungen und höherer Leistungsdruck seien nötig, sondern bessere Unterstützungssysteme, sagt auch GEW-Landeschef Günther Fuchs. Die frühere Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) wiederum sieht eine Ursache für den „skandalösen Befund“ in dem nach wie vor hohen Unterrichtsausfall im Land. „Wenn Unterricht einfach nicht stattfindet, dann bekommt man die Quittung“, sagt CDU-Bildungsexperte Ingo Senftleben. Der Leistungsansatz sei immer noch zu gering, die Förderung von leistungsschwachen Jungen – einer Problemgruppe – lasse zu wünschen übrig. Senftleben bestreitet aber nicht, dass die Ergebnisse auch ein Rückschlag für die Union sind, die in der Großen Koalition seit 1999 maßgeblich die Bildungsreformen vorangetrieben hatte. „Wir haben es nicht geschafft, dass es auch Eingang in die Köpfe gefunden hat.“

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