Berlin : In guter Nachbarschaft

Im Berliner Süden entsteht ein neues Unternehmensnetzwerk. Die Teilnehmer profitieren schon heute

Anselm Waldermann

Gesprochen wurde über Unternehmensnetzwerke schon viel: Kaum ein Wirtschaftspolitiker versäumte es in den vergangenen Jahren, ihre Bedeutung zu betonen. Wahlweise wurden sie auch als „Cluster“ bezeichnet, die ganze Regionen in Wirtschaftswunderzonen verwandeln sollten. Allerdings hatte die Debatte oft einen Haken: Denn meist wusste keiner so genau, was man sich im Detail unter einem Netzwerk vorstellen sollte – und so blieb es meist bei allgemein gehaltenen Appellen.

Doch das muss nicht immer so sein: Am Mittwoch hat sich in Berlin ein Unternehmensnetzwerk gegründet, das nach Ansicht der Mitglieder Modellcharakter haben könnte. Sieben Unternehmen haben sich zum „Netzwerk Motzener Straße“ zusammengeschlossen. Das Besondere daran: Die Unternehmen stammen aus den verschiedensten Branchen, so aus der Industrie, dem Dienstleistungsgewerbe und dem Handel. Ihre Gemeinsamkeit ist ihr Standort im Süden des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. „Die Unternehmen ergänzen sich hervorragend“, erklärt Uwe Luipold vom Beratungsbüro Regioconsult, der das Projekt betreut. „Dabei machen sie einfach das, was in dörflichen Regionen normal ist: Sie halten guten Kontakt zu ihren Nachbarn.“

Und das kann sich in barer Münze auszahlen: So haben die Unternehmen einen Einkaufspool für Heizöl gebildet. Erst vor Kurzem haben sie dadurch für 385 000 Liter einen Rabatt von 10 Prozent erhalten. „Wenn die Kosten steigen, muss man nicht immer gleich Personal entlassen“, sagt Rainer Jahn, Geschäftsführer der Klosterfrau Berlin GmbH. „Schließlich gibt es auch andere Möglichkeiten, Synergien zu schaffen.“ Nun wollen die Unternehmen auch ihren Stromeinkauf gemeinsam organisieren.

Bei der Ausbildung wollen die Betriebe ebenfalls zusammenarbeiten. „Fast alle Unternehmen möchten Lehrlinge haben“, erklärt Luipold. „Aber nicht jedes Unternehmen kann jeden einzelnen Bestandteil der Ausbildung anbieten.“ Dies gelte zum Beispiel für die relativ komplizierte Ausbildung zum Mechatroniker. Nun werden die Unternehmen ihre Azubis gegenseitig austauschen. „Dann müssen die Lehrlinge nicht mehr zu irgendwelchen Trägervereinen gehen“, sagt Luipold.

Manchmal geht es bei der Nachbarschaftshilfe auch um einfachere Dinge: „Über das Netzwerk habe ich erfahren, dass bei einer Firma in unserem Haus viele Holzabfälle anfallen“, erzählt Frank Braun, Geschäftsführer von Weber Industrietechnik. „Die können wir wunderbar für unsere Holzverpackungen gebrauchen.“ Von einem ähnlichen Fall berichtet Thomas Dreusicke vom Kunststoffverarbeiter India-Dreusicke: „Ich hatte zwei Aufträge für eine Außenverglasung zu vergeben. Früher hätte ich so etwas überregional ausgeschrieben. Jetzt mache ich das innerhalb des Netzwerks.“

Auch die Interessenvertretung gegenüber Behörden gehört zu den Zielen der Motzener. Darüber hinaus sind gemeinsame Marketingaktionen geplant. Jeden dritten Dienstag im Monat gibt es außerdem einen Unternehmerstammtisch. „Da kann man dann einfach Tipps austauschen, zum Beispiel über Arbeitszeitmodelle oder über Bankkonditionen“, erzählt Dreusicke.

Beim offiziellen Gründungsakt machten zwar erst sieben Unternehmen mit. Doch zu den bisherigen Informationsveranstaltungen kamen rund 40 Interessenten. „Wir rechnen in den nächsten Monaten mit bis zu 80 Teilnehmern“, erklärt Dreusicke. Und das Potenzial ist noch viel größer: Insgesamt gibt es an der Motzener Straße 230 Betriebe mit 5100 Beschäftigten. „Das geht vom Ein-Mann-Betrieb bis hin zum 800-Mann-Unternehmen“, berichtet Dreusicke.

Die Idee zu dem Netzwerk kam schon vor einiger Zeit in den Unternehmen Semperlux und Klosterfrau auf. Als die beiden Geschäftsführer damit zum Bezirksamt gingen, beauftragte das die Büros Regioconsult und Dubach-Kohlbrenner mit der Betreuung des Projekts. Für die Startphase übernahm der Bezirk die Kosten, außerdem gab es einen Zuschuss von der Europäischen Union.

„Die Gründung des Netzwerks ist ein besonderer Anlass für Tempelhof-Schöneberg“, sagte Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) am Mittwoch. Allerdings machte er klar, dass er keine weiteren öffentlichen Mittel bewilligen könne. Fortan müssen die Unternehmen die Kosten daher selbst tragen. Luipold zufolge wird derzeit mit einem Jahresbeitrag von 200 bis 1600 Euro je Unternehmen gerechnet.

Das Geld ist auch nötig, denn für die Zukunft hat das Netzwerk große Pläne. „Unser Fernziel ist ein Betriebskindergarten“, sagt Braun von Weber Industrietechnik. „Alleine könnte sich das kein Unternehmen leisten. Aber alle zusammen schaffen wir das.“

www.motzener-strasse.de

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