• In Hellersdorf und Tempelhof starben zwei Männer, doch einen Mangel an Notunterkünften gibt es nicht

Berlin : In Hellersdorf und Tempelhof starben zwei Männer, doch einen Mangel an Notunterkünften gibt es nicht

Silke Edler

In der bisher kältesten Nacht des Herbstes von Donnerstag auf Freitag starben zwei Männer. Ein 53-jähriger Hellersdorfer wurde in einem Bushäuschen in der Gülzower Straße in Hellersdorf tot aufgefunden, ein weiterer Mann gegen acht Uhr morgens in der Tempelhofer Friedenstraße/ Ecke Mariendorfer Damm vor einem WC-Häuschen.In der Nacht gab es Temperaturen von bis zu minus fünf Grad - am Boden haben die Meteorologen sogar minus acht Grad gemessen.

Nach Ansicht eines Arztes der Charité können auch sehr geringe Minuswerte schnell zur Unterkühlung führen. "Wenn dann noch Alkohol im Spiel ist, verliert der Körper ganz rapide an Wärme", sagte der Mediziner. Wenn jemand bei Kälte trinke und zudem nur leicht bekleidet sei, könne der Körper innerhalb kürzester Zeit auskühlen, erklärte der Charité-Arzt. Dann beginnen alle Funktionen zunächst langsamer zu laufen, ab 32 Grad Körpertemperatur komme es zu gefährlichen Herz-Rhythmus-Störungen, die schließlich zum Stillstand des Herzens führten.

"Mit der Unterkühlung schlafen die Menschen ein und spüren nicht, wie der Tod einsetzt", meinte der Arzt. Tatsächlich hatte der Hellersdorfer vor seinem Tod offenbar Alkohol getrunken. Wie die Polizei mitteilte, hatte der Mann in der Nacht eine Flasche Schnaps an einer Tankstelle gekauft.

In den vergangenen Jahren hat es in Berlin jeweils zwei bis drei Kältetote gegeben. Dass Menschen wegen Unterkühlung sterben, liegt nach Ansicht von Helga Burkert von der Senatssozialverwaltung nicht an fehlenden Notunterkünften. "Das Netz ist gut ausgebaut, von Oktober bis Ende März haben die Kirchen und Wohlfahrtsverbände ihre Notübernachtungen und Wärmestuben geöffnet", sagte Burkert. Für die rund 6800 registrierten und 2000 bis 4000 geschätzten Wohnungslosen in Berlin gebe es seit Jahren genug Platz. "Allerdings schlafen immer einige Obdachlose lieber im Freien", erklärt Helga Burkert.

Das Angebot für Wohnungslose wurde seit 1993 um zahlreiche Einrichtungen erweitert. Damals lag die Zahl der Obdachlosen allein im Westteil der Stadt bei etwa 11 800. "Der enge Wohnungsmarkt hatte dazu geführt, dass viele keine Bleibe fanden", erklärt die Senatsverwaltungsmitarbeiterin. In den vergangenen jahren stellten Immobiliengesellschaften zahlreiche Wohnungen zur Verfügung. "Dadurch konnten jährlich bis zu 2000 Wohnungen mit obdachlosen Menschen belegt werden", sagte Burkert.

Deshalb sei die Zahl der Wohnungslosen in Berlin stark zurückgegangen. Den größten Teil der Einrichtungen leiten Kirchen und Wohlfahrtsverbände. Obwohl das Versorgungsnetz in Berlin gut funktioniere, müsse nicht befürchtet werden, dass Berlin zum Anlaufpunkt für Obdachlose aus dem gesamten Bundesgebiet werden könne. Zwar seien nach dem Fall der Mauer zunächst mehr Jugendliche in die Stadt gekommen, weil sie annahmen, hier schnell untertauchen zu können.

Dass in den vergangenen Jahren aber grundsätzlich mehr Wohnungslose nach Berlin gekommen seien, sei nicht der Fall. "Allerdings berichteten die Wohlfahrtsverbände, dass zunehmend illegal eingereiste Ausländer in die Notunterkünfte kommen", sagte Burkert. Vor allem in den Einrichtungen, wo nicht nach Namen gefragt werde, suchten diese Menschen ein Bett für die Nacht.

In der Notunterkunft Franklinstraße hat man mit illegalen Ausländern allerdings noch keine großen Erfahrungen gesammelt. "Wir schreiben die Namen auf, deshalb kommen illegale Ausländer nur selten zu uns", sagte ein Mitarbeiter der Notübernachtung. Allerdings bitten in letzter Zeit zunehmend Kriegsflüchtlinge um eine Unterkunft, die zur Ausreise bewegt werden sollen. Für diese Flüchtlinge übernehmen einige Sozialämter keine Unterbringungskosten mehr für Flüchtlingsheime. "Das bedeutet für die Menschen Obdachlosigkeit, zumindest solange noch die Widerspruchsverfahren beim Verwaltungsgericht dauern", sagt der Mitarbeiter in der Franklinstraße. Diese Gerichtsentscheidungen könnten oft Wochen dauern, in denen die Flüchtlinge irgendwo unterkommen müssten.

Unterdessen öffnen zunehmend Notunterkünfte für den Winter. "Noch sind wir nicht restlos belegt, aber es kommen schon mehr", heißt es in der Franklinstraße. Einige Gesichter kenne man bereits aus den vergangenen Jahren. Viele suchten sich für den Winter aber eine feste Bleibe bei Verwandten oder über das Sozialamt. Für jeweils eine Nacht bietet beispielsweise das Deutsche Rote Kreuz in seiner Reinickendorfer Notunterkunft in der Oranienburger Straße 285 Betten an. In der Charlottenburger Franklinstraße 27 stehen das ganze Jahr über Schlafplätze zur Verfügung.

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