Berlin : In Job-Centern fehlen hunderte von Mitarbeitern

Aus Spargründen wurden Fachkräfte entlassen, Neulinge aus dem Personalüberhang rücken nach

Sigrid Kneist

Die Flure sind voll, die Mitarbeiter beschäftigt bis zur Belastungsgrenze. In den zwölf neuen Job-Centern, die sich seit Jahresanfang um die Empfänger von Arbeitslosengeld II kümmern, herrschen zum Teil chaotische Verhältnisse. „Wir haben mit viel zu wenig Personal angefangen“, sagt Ingrid Wagener, Geschäftsführerin des Job-Centers Tempelhof-Schöneberg. Das sei das Hauptproblem in den Starttagen von Hartz IV mit diesem „unglaublichen Publikumsverkehr“. Ihr Job-Center hat derzeit 250 Beschäftigte, noch fehlen ihr rund 100 Mitarbeiter. In Friedrichshain-Kreuzberg und in Neukölln sieht es noch schlimmer aus: Dort ist die Hälfte der geplanten Stellen unbesetzt.

Offiziell heißt es zwar, dass in den Job-Centern die vorgeschriebene „Startaufstellung“ zur Einführung von Hartz IV bei der Zahl der Mitarbeiter erreicht wurde. Bis Mai werde man das Personal aufstocken, bis das vorgesehene Betreuungsverhältnis von einem Vermittler für 150 Arbeitslose erreicht ist (bei Jugendlichen für 75). Dazu fehlen derzeit nach Angaben der Regionaldirektion 900 Mitarbeiter. Fachleute aus den Arbeitsagenturen halten diese Angabe für zu niedrig. Sie gehen davon aus, dass berlinweit mindestens 1600 Mitarbeiter fehlen.

Wagener bedauert es besonders, dass zum Ende des Jahres sechs Zeitverträge mit Kräften, die das Land Berlin als Beamte ausgebildet und dann aber nur vorübergehend als Angestellte übernommen hatte, nicht verlängert wurden. Sie sagt, die Beschäftigten seien gut eingearbeitet gewesen und hätten das Land Berlin künftig keinen Cent gekostet, da die Personalkosten zu 100 Prozent von der Bundesagentur übernommen worden wären.

Auch andere Job-Center müssen auf diese Kräfte nun verzichten. Einer dieser Mitarbeiter ist Jörg Happe. Er war die letzten Monate vor allem an der Vorbereitung der Arbeitsmarktreform beteiligt. Jetzt ist er arbeitslos. Sein Antrag auf Verlängerung wurde von der Finanzverwaltung abgelehnt. Grund sind Sparmaßnahmen, denn zunächst soll der Personalüberhang des Landes Berlin in den Job-Centern eingesetzt werden.

Gestern fanden dazu Gespräche zwischen der Regionaldirektion für Arbeit und der Finanzverwaltung statt. 300 solcher Mitarbeiter sollen in den nächsten Monaten geschult und den Job-Centern zugewiesen werden. Manche Job-Center-Experten halten die Planung für unrealistisch. Auf die Beschäftigten aus dem Stellenpool könne man nicht setzen: Wer 20 Jahre lang jede Nische des öffentlichen Dienstes auszunutzen wisse, sei für die Arbeit im Job-Center in der Regel nicht geeignet, sagen Fachleute.

Auch auf eine Verstärkung durch 27 zum Personalvermittler weitergebildete, arbeitslose Akademiker können die Job-Center nicht zurückgreifen. Nach Angaben des Weiterbildungsinstituts AWZ und zahlreicher Absolventen war die Maßnahme in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur genau für diese Beschäftigung konzipiert. Aber lediglich eine Teilnehmerin fand einen Job bei einer Arbeitsagentur. Allerdings nicht in Berlin, sondern in Wyk auf der Nordseeinsel Föhr. Die anderen sind weiter arbeitslos.

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