In OMAS ZEITung (16) : Kinderluftbrücke

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea begleitet Kinder zum Aufpäppel-Urlaub nach Westdeutschland.

Foto: Repro: Tsp

Die Zahlen, die meine Oma Thea ihren Lesern im Sommer 1953 präsentiert, sind beeindruckend. „Durchschnittlich hat jedes Kind sechs Pfund zugenommen. Einige haben es sogar auf 13 Pfund gebracht“, schreibt sie in der „Neuen Zeitung“. Was heute Grund zur Sorge wäre, ist Anfang der 50er Jahre ein Triumph. Und der Beweis: Die Kinderluftbrücke funktioniert.

Während der Blockade und der großen Luftbrücke 1948/49 werden die Stullen zu den Kindern geflogen, fünf Jahre später läuft es umgekehrt. Weil viele kleine Berliner unterernährt und kränklich sind, werden sie im Sommer zum Aufpäppeln nach Westdeutschland verschickt. Ausgedacht hat sich die Aktion Peter Boenisch, ein ehemaliger Kollege meiner Oma bei der „Neuen Zeitung“. Als er die Idee für die Kinderluftbrücke hat, ist er beim Nordwestdeutschen Rundfunk angestellt. Später erfindet er noch die „Bravo“, wird Chefredakteur von „Bild“ und „Welt“ und Regierungssprecher von Helmut Kohl. Für die Kinderluftbrücke, von der zwischen 1953 und 1957 zehntausende Kinder zwischen sechs und 15 Jahren nicht nur gewichtsmäßig profitieren, gewinnt Boenisch die US-Luftwaffe als Partner.

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Im zweiten Jahr der Aktion berichtet meine Oma, dass viele Kinder schon sehr lässig in ihr Sommerabenteuer starten: „Sie steckten sich den bei Flugreisen obligatorischen Kaugummi in den Mund, erklärten, dass sie jetzt über ganz Deutschland fliegen werden, schnallten sich fest und schnatterten los wie in Schulpausen.“ Der Abschied fällt besonders leicht, wenn man in eine vertraute Gastfamilie fliegt. ‚„Ich weiß schon Bescheid“, sagte ein Achtjähriger, „morgens gibt’s bei meinem Pflegeonkel immer ein Ei und abends eine Flasche Malzbier. Im vorigen Jahr habe ich acht Pfund zugenommen.“‘ Die Kinderluftbrücke erreicht aber längst nicht alle Kinder, die einen Sommer zwischen Eiern und Malzbier nötig haben. Meine Oma rechnet vor, dass der Gesundheitszustand von 32 480 West-Berliner Schulkindern als „mangelhaft und sogar ungenügend“ gilt, unter den Teenagern seien 13,2 Prozent erholungsbedürftig.

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Anscheinend darf meine Oma zu Recherchezwecken sogar mit den Kindern mitfliegen, jedenfalls berichtet sie von der Ankunft in Frankfurt am Main: „General William H. Tunner begrüßte die Kinder und wünschte ihnen, dass sie alle um drei Grad gebräunter und mindestens fünf Pfund schwerer in ihre Heimatstadt nach den fünf Erholungswochen zurückkehren möchten.“ Tunner war der Chef-Organisator der großen Luftbrücke und dafür verantwortlich, dass täglich mehr als 1000 Rosinenbomber in Berlin landeten und mehr als 10 000 Tonnen Lebensmittel, Kohle oder Medikamente anlieferten. Ich stelle mir vor, wie Tunner im Kopf die Eckdaten für die Kinderluftbrücke überschlägt: „Mal sehen, 100 Kinder pro Flugzeug, beim Rückflug im Schnitt sechs Pfund mehr pro Kind … ach egal, noch eine Runde Malzbier für alle!“

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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