In OMAS ZEITung (17) : Kristalleis

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Kühles für die heißen Tage.

von
Repro: TSP

„Ich steh auf, leg mich gleich wieder hin. Es ist zu heiß, um es wirklich geil zu finden.“ Diese Erkenntnis stammt nicht von meiner Oma Thea, sondern von Peter Fox. Der Sänger und Berlin-Experte schrieb den Text zu seinem Song „Fieber“ 2007. Die Gleichung Berlin + Hitze = Problem gilt aber zu allen Zeiten. Auch schon 1952, als meine Oma für die „Neue Zeitung“ einer Möglichkeit nachspürt, sich die Großstadtglut vom Hals zu halten. Auch die Reporterin hat allerdings mit den Sommertemperaturen zu kämpfen. „U-Bahn-Schwüle und Straßenglut glänzten auf meiner Stirn“, beschreibt sie ihren Zustand, als sie am 7. August ihren Interviewparter trifft. Für den Mann kann es allerdings gar nicht heiß genug sein, wie meine Oma schreibt: „,Warm ist es erst, wenn das Thermometer sieben Tage hintereinander 35 Grad im Schatten anzeigt‘, erklärte gestern kühl lächelnd der Direkter der größten Berliner Kristalleisfabrik.“

Kühlschränke sind Anfang der 50er in Deutschland noch nicht sehr verbreitet. Drei Eisfabriken kühlen die West-Berliner auf erträgliche Temperaturen herunter. Im August 1952 zeigt das Thermometer knapp 30 Grad, rund 5000 Stangen Kristalleis aus destilliertem Wasser kalbt die Eisfabrik jeden Tag. „Wenn Berlin in tiefem Schlaf liegt – Ausnahmen sollen vorkommen – beginnen die Eishändler mit ihrer Arbeit“, schreibt meine Oma. Um drei Uhr nachts geht es los, dann rollen die ersten weißen oder hellblauen Wagen vom Hof der Eisfabrik. „Hauptabnehmer sind die Krankenhäuser, Restaurants und die Lebensmittelhändler, unter ihnen rangieren die Fischhändler an erster Stelle.“ Ab acht Uhr werden dann „die Hausfrauen bedient“, ein Siebtel eines großen 25-Kilo-Eisblocks kostet 20 bis 25 Pfennig. „Die Bezirke Wilmersdorf und Steglitz sind die größten Eisabnehmer“, schreibt meine Oma. „Ob die hitzigsten Leute dort wohnen, ist nicht erwiesen.“

Ich selbst bin in Steglitz geboren und in Wilmersdorf aufgewachsen – als hitzig würde ich mich nicht gerade bezeichnen. Auf einen Kühlschrank möchte ich trotzdem nicht verzichten, auch wenn diese Errungenschaft das Geschäft der Kristalleismänner ruiniert hat. 1952 steuert die Branche unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen, wie die Titanic auf den Eisberg – doch ahnt sie von dieser Gefahr noch nichts. „Die Eisfabrikanten fürchten die mechanischen Kühlapparate keineswegs“, schreibt meine Oma ganz ohne Ironie. „Sie sind überzeugt davon, dass Kristalleiskühlung nicht zu ersetzen sei, da sie billig ist.“

Ein paar Jahre später gibt es keine Verwendung mehr für Kristalleis. Vielleicht sind es die Hausfrauen einfach leid geworden, die Pfützen wegzuwischen, die die Eisblöcke hinterlassen. Oder – die schönere Theorie, wie ich finde – die hitzigen Wilmersdorfer und Steglitzer sind ein kleines bisschen cooler geworden.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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