In OMAS ZEITung (2) : Das Richtfest

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: die feierliche Einweihung neuer Wohnbauten in der zertrümmerten Stadt, die langsam wieder auf die Beine kommt.

von
Repro: TSP

Mit einem wörtlichen Zitat in einen Text einzusteigen, ist unter Journalisten verpönt. Aber manche Zitate sind zu schön, um sie nicht sofort auf den Leser loszulassen. Und so beginnt meine Oma Thea ihren Artikel in der „Neuen Zeitung“ vom 25. Mai 1950 mit den unsterblichen Worten: „Es war nicht allein das Versprechen von Bockwurst und Bier, das mich heute nach Britz gebracht hat.“

Der Mann, den sie zitiert, ist Generalmajor Maxwell D. Taylor, Kommandant des US-Sektors und der Alliierten Truppen in Berlin. Ein paar Jahre später ist Taylor militärischer Chefberater von Präsident Kennedy und entwirft eine nukleare Verteidigungsstrategie für USA und Nato. Am 25. Mai 1950 aber ist er – offenbar hungrig und durstig – in die Buschkrugallee 193 gekommen, um ein Richtfest zu feiern. Wo Bomben eine Lücke gerissen haben, entstehen neue Wohnungen.

1950 ist Berlin noch eine zertrümmerte Stadt. Aber auch eine, die langsam wieder auf die Beine kommt. Meine Oma berichtet immer wieder von Richtfesten, ständig werden Grundsteine gelegt und weiße Bänder durchschnitten. Im Berlin meiner Oma ist jeder Spatenstich ein Neuanfang, jeder Rohbau ein Versprechen auf eine bessere Zukunft. Ein paar Jahre später zieht sie selbst in eines dieser Gebäude, die heute noch Neubau genannt werden, obwohl sie mittlerweile 60 Jahre alt sind.

Illustration: Katharina Metschl

Aus der Buschkrugallee 193 berichtet Oma Thea von einem Vorstoß des Neuköllner Bezirksbürgermeisters Kurt Exner, der die Chance nutzt, um die mutmaßlich bier- und bockwurstseligen Vertreter der Alliierten Hochkommission um Geld für neue Schulen zu bitten. „Denn mit den Menschen kommen Kinder, und gut erzogene Kinder werden am besten eine demokratische Welt aufbauen“, sagt Exner. Der Mann scheint etwas von amerikanischer Rhetorik zu verstehen.

„In drei Monaten sollen die neuen Zwei-Zimmer-Wohnungen dieses Hauses – Mietpreis 54 DM pro Wohnung – bezugsfertig sein“, schreibt meine Oma in ihrem Artikel. Taylor preist die Neubauten als „neuen Beweis der ungeheuren Vitalität dieser Stadt“. Das Foto in der „Neuen Zeitung“ zeigt den Kommandanten in voller Uniformpracht, im Hintergrund flattert die Fahne mit dem Berliner Bären am Rohbau. Meine Oma notiert, dass Taylor seine Rede unter „Beifallsrufen der Bevölkerung“ beendet. Nach dem offiziellen Teil der Feier „spielt die Kapelle Wolf Gabbe das Hobellied und andere fröhliche Melodien, die etwa 200 Gäste ziehen zum Richtschmaus in die Onkel-Bräsig-Schule“.

Nachdem ich den Text meiner Oma gelesen habe, nehme ich mir vor, die oft so trostlos wirkenden Berliner Bauten der 50er mit ein bisschen mehr Wohlwollen zu betrachten. Heute wirken sie kastenartig und lieblos, aber vor nicht allzu langer Zeit waren sie offenbar für viele Menschen Zeichen des Fortschritts. Oder zumindest ein bezahlbares Dach über dem Kopf – was ebenfalls eine Menge wert ist, auch heute noch, auch in Neukölln.

Und ich habe mir vorgenommen, öfter mal ein Zitat als Einstieg für meine Texte zu benutzen.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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