In OMAS ZEITung (22) : Olympiasieger

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Athleten aus den USA berichten von den Olympischen Spielen in Helsinki.

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Foto: Repro: Tsp

Von der olympischen Karriere meiner Großmutter ist nur ein Briefbeschwerer übrig geblieben. Jahrelang lag er bei Oma Thea auf dem Schreibtisch, heute hat er einen Platz bei meinen Eltern im Regal. Es ist ein grüner Stein, flach und quadratisch. Darauf prangt eine Metallplakette mit den olympischen Ringen und den Buchstaben ÖOC, der Abkürzung des Österreichischen Olympischen Comités. Meine Oma war natürlich weder Österreicherin noch olympische Sportlerin. Den Briefbeschwerer hat sie als Dank dafür bekommen, die österreichischen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin betreut zu haben. Heute würde man ihren Job „Volunteer“ oder „Hostess“ nennen, damals hieß das „Ehrenjungfrau“.

So nah wie 1936 ist sie dem Spitzensport nie mehr gekommen. 16 Jahre später kann sie für die „Neue Zeitung“ immerhin über US-amerikanische Olympiasieger schreiben, die auf ihrer Heimreise von den Sommerspielen in Helsinki in Berlin Station machen. Schon frühmorgens hat sich am 12. August 1952 vor der Waldbühne eine lange Schlange gebildet, viele Kinder und Jugendliche wollen einen Blick auf die Sportler werfen. „Nach der Bekanntgabe, dass die Olympioniken Amerikas nur 20 Minuten zur Diskussion hätten, waren alle guten Vorsätze vergessen“, schreibt Oma Thea. „In olympischem Tempo setzte die Autogrammjagd der Berliner Jungen und Mädchen ein.“ Zehnkämpfer Bob Mathias, der gerade seine Goldmedaille verteidigt und einen Weltrekord aufgestellt hat, „verriet den mucksmäuschenstillen Zuhörern, dass er aus jedem Olympiastadion eine kleine Schachtel voll Erde mit nach Hause nehme“.

Von ihrem Einsatz bei Olympia 1936 hat meine Großmutter leider nur wenig erzählt. Es gibt immerhin noch ein Foto aus einem offiziellen Olympia-Album, auf dem sie ins Gespräch mit einer anderen Frau vertieft ist. Meine Oma wirkt auf dem Bild groß und schlank, sie trägt eine gestärkte weiße Uniform mit einem Schiffchen auf dem Kopf. Die Bildunterschrift erwähnt allerdings nur ihre Gesprächspartnerin, „die Österreicherin, Fräulein Bauma, die Favoritin im Speerwurf“.

Ich wüsste gerne, wie viel Oma Thea von der Propaganda-Show der Spiele mitbekommen hat. Und wie die Olympia-Perversion der Nazis auf sie als 18-jähriges Mädchen gewirkt hat. Zumindest in einem Punkt hat sie mitbekommen, dass es nicht nur um Sport ging: Weil sie weder blonde Haare noch blaue Augen hatte, durfte sie nicht wie andere „Ehrenjungfrauen“ bei Siegerehrungen mithelfen.

Als Sportreporter im Jahr 2015 – gerade bin ich in Peking bei der Leichtathletik-WM – versuche ich, beides im Auge zu behalten: Spitzenleistungen und Propaganda. Mal schauen, wie sich die Österreicher bei der WM so schlagen. Und ob ich eine kleine Schachtel Erde aus dem Olympiastadion von Peking mitbringen kann. Im Regal neben dem Briefbeschwerer ist noch Platz.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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