In OMAS ZEITung (25) : Gedenkbibliothek

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Ein Bücherparadies wird am Blücherplatz eröffnet.

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Foto: Repro: Tsp

Bis vor einem Jahr bin ich jeden Tag an der Amerika-Gedenkbibliothek, kurz AGB genannt, vorbeigekommen. Reingegangen bin ich aber nie. Die Bücherei lag auf meinem Weg von der Tagesspiegel-Redaktion nach Hause. Es ist kein besonders schöner Weg, der an der AGB entlangführt. Tagsüber ziehen meist Grillschwaden über den Blücherplatz, nachts beseitigen Ratten die Reste der Grillgesellschaften. Und drinnen in der Bibliothek, hinter den großen Glasscheiben, warten die Bücher auf Leser. Und das schon seit dem 21. September 1954, als meine Oma Thea für die „Neue Zeitung“ über die Eröffnung der AGB schreibt.

„In Scharen strömten Lesehungrige, Wissensdurstige und Schaulustige zur Amerika-Gedenkbibliothek“, heißt es in ihrem Artikel mit dem Titel „Erster Tag im Bücherparadies am Blücherplatz“. Der Andrang ist so groß, dass der Eingang zwischenzeitlich gesperrt werden muss, an der Garderobe bilden sich lange Schlangen. 1600 Erwachsene und 350 Kinder besuchen am ersten Tag die Bibliothek, zählt meine Oma auf, 2954 Bücher werden entliehen. Schon nach einer Viertelstunde sind alle Exemplar von „Vom Winde verweht“ vergriffen. Auch die Bestseller „08/15“ von Hans Hellmut Kirst und „Der Weltraum rückt uns näher“ von Donald Keyhoe können der Nachfrage nur kurz standhalten. „Die Abteilung mit Werken über Heimgestaltung, Kindererziehung und die Kochbücher waren nicht minder gefragt“, berichtet meine Oma. Einige Kinder sind sehr enttäuscht, weil die AGB noch keine Romane von Karl May im Angebot hat. Die Bibliotheksmitarbeiter können sie trösten: „Auch ,Winnetou‘ wird in den nächsten Tagen vorhanden sein.“

Ich gestehe: „Winnetou“ habe ich nie gelesen, „Vom Winde verweht“ auch nicht. Als Kind war ich viel in der Bibliothek und habe kistenweise Lesestoff nach Hause geschleppt. Diese Leidenschaft hat sich etwas abgekühlt, vermutlich im Studium. Ich konnte mich nie für die langen Gänge und den staubigen Geruch begeistern, ganz zu schweigen von der kryptischen Systematisierung und den immer zu kurzen Ausleihzeiten. Andere Studenten verbrachten ganze Semester in der Bibliothek, um zu lernen, zu recherchieren oder Hausarbeiten zu schreiben. Ich schleppte meine Lektüre lieber ächzend nach Hause und stolperte dann fluchend über die Stapel im Wohnzimmer.

Berlin soll jetzt eine neue Landesbibliothek bekommen, möglicherweise als Anbau der AGB. Dafür würde wohl der Blücherplatz umgegraben werden, Griller und Ratten müssten umziehen. Die Amerika-Gedenkbibliothek hingegen würde wohl wieder zur Attraktion, womöglich gäbe es am Eröffnungstag einen Andrang wie vor 61 Jahren. Ich stelle mich dann in die Schlange und leihe „Winnetou“ aus, Bände eins bis drei.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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