In OMAS ZEITung (26) : Oktoberfest

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Oma Thea schreibt über das Berliner Oktoberfest - im Zoo.

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Foto: Repro: Tsp

Krachende Böller, dröhnende Motoren, lärmende Menschenmassen und ein nächtliches Feuerwerk – das Berliner Oktoberfest der 1950er Jahre hat ordentlich Bumm, von Tschingderassa ganz zu schweigen. Vier Wochen lang feiern und trinken Jahr für Jahr bis zu eine Million Menschen auf dem Volksfest, das von 1949 bis 1957 am wohl denkbar ungünstigsten Ort veranstaltet wird: im Zoo.

Meine Oma wirft sich für die „Neue Zeitung“ als Reporterin ins Getümmel. Sie erwähnt in ihren Artikeln zwar, dass es durchaus unterschiedliche Ansichten über das Spektakel gibt und manche Leute sogar der Meinung sind, die Ruhe der Tiere werde gestört. Aber schließlich geht der Großteil der Erlöse an den Zoo, und die Mehrheit der Berliner stürzt sich – „für einen Eintrittspreis von 25 Pfennig, Ostbesucher zahlen eine Ostmark“ – auf Attraktionen wie Steilwandkarussell, Mitternachtsdroschke, Nürburg-Ring für Kinder oder Miniatur-Benzinwagen. Dazu lockt 1951 „eine Schaubude mit ,1000 süßen Beinchen‘“, was immer das heißen mag. „Auch der Todesfahrer Rehfeldt wird allabendlich seine Auto-Sensations-Artistik vorführen“, schreibt meine Oma. Aus Westdeutschland ist eine „Liliputaner-Truppe“ eingetroffen, die erstmalig in Berlin eine Revue zeigen will.

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Das Oktoberfest ist ein großer Erfolg, 1953 ist der Eintrittspreis schon auf 30 Pfennig gestiegen, Ostbesucher zahlen immer noch eine Ostmark. Dafür bekommen sie „Sturzbomber“ und „Teufelskutsche“ geboten sowie eine „doppelte Todeswand“, an der über den Köpfer der Zuschauer ein Motorradartist herumrast, „der seine Leidenschaft schon mit vier Schädelbrüchen“ bezahlt hat. „Wer das Gruseln lernen will“, rät meine Oma ihren Lesern, „versuche es auf der doppelstöckigen Geisterbahn oder schaue sich das Riesenweib im Abnormitätenkabinett an.“

Wochentags schließt das Oktoberfest um Mitternacht, in der Nacht zu Sonntag aber erst um fünf Uhr morgens, dann werden tagaktive und nachtaktive Tiere wenigstens gleichermaßen belästigt. Erst 1954 scheint das Programm im Zoo ein bisschen besinnlicher zu werden. Statt über Todesfahrer berichtet meine Großmutter nur noch über einen Wasser-Orgel-Spieler und einen Meister-Telepathen namens Badoni.

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1957 wird das Oktoberfest im Zoo zum letzten Mal im Zoo veranstaltet, dann wird das Gelände umgebaut, für Todeswände und Riesenweiber ist kein Platz mehr. 1958 findet das Fest noch einmal wenigstens „am Zoo“ statt – dort, wo heute die BVG-Busse wenden. Die „Neue Zeitung“ ist zu dieser Zeit bereits eingestellt, meine Oma keine Reporterin mehr. Der Tagesspiegel berichtet immerhin noch, dass an den ersten beiden Festtagen „nach vorsichtigen Schätzungen rund 100 000 Mollen Bier“ getrunken wurden“. Dann verliert sich die Spur des Berliner Oktoberfests. Die Zootiere haben ihre Ruhe.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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